Die moderne medizinische Ethik als eigenständige Disziplin entstand in Europa erst um 1803 mit Thomas Percival, der in Manchester den Begriff „Medical Ethics“ prägte.1 Doch was im Westen als Neuerung des 19. Jahrhunderts gefeiert wird, war in der islamischen Welt längst ein ausgereiftes Lehrgebäude. Bereits im 9. Jahrhundert verfassten muslimische Gelehrte systematische Werke über die Akhlāq und Ādāb des Arztes.2
Akhlāq und Ādāb, zwei Seiten einer Medaille
Akhlāq meint den inneren Charakter, die Tugenden der Seele, also wer der Arzt vor Gott ist: seine Aufrichtigkeit, Demut, Barmherzigkeit, Geduld und sein Gottesbewusstsein.3
Ādāb hingegen beschreibt das äußere Verhalten, die professionelle Etikette, also wie der Arzt auftritt: sein Umgang mit dem Patienten, seine Kleidung, seine Sprache, seine Diskretion, sein Tagesablauf.4 Beides zusammen formt den tugendhaften Arzt, den Ṭabīb Fāḍil.
Zwei Pioniere an vorderster Front
Ādāb aṭ-Ṭabīb von Isḥāq ibn ʿAlī ar-Ruhāwī (9. Jhd.)
Der aus Ruhā, dem heutigen Urfa, stammende Arzt ar-Ruhāwī verfasste mit Ādāb aṭ-Ṭabīb das weltweit erste systematische Werk zur medizinischen Ethik, rund tausend Jahre vor Percival.5 Er strukturierte seine Schrift entlang dreier Beziehungen: der Pflichten des Arztes gegenüber dem Patienten, gegenüber sich selbst und der Pflichten des Patienten gegenüber dem Arzt.6
Ein Schlüsselzitat, das seine Haltung auf den Punkt bringt:
„Der Arzt darf nicht neidisch, hasserfüllt, gierig oder arrogant sein. Er soll vergebend, freundlich, demütig und dankbar sein… Er teile seinen Tag ein zwischen Gebet, Gottesgedenken, Studium und Krankenbesuchen.“
„Der Arzt muss gerecht und barmherzig sein gegenüber den Schwachen und den Armen.“
Isḥāq ibn ʿAlī ar-Ruhāwī, Ādāb aṭ-Ṭabīb7
Akhlāq aṭ-Ṭabīb von Abū Bakr ar-Rāzī (Rhazes, 865–925)
Ar-Rāzī, einer der größten klinischen Ärzte der Geschichte, richtete seine Schrift Akhlāq aṭ-Ṭabīb an seine Schüler.8 Er betont dort die innere Haltung:
„Der Arzt soll sanftmütig mit den Menschen umgehen, nicht in ihrer Abwesenheit schlecht über sie reden und ihre Geheimnisse bewahren. Mancher Mensch leidet an einer Krankheit, die er selbst den engsten Angehörigen verbirgt und offenbart sie notgedrungen nur seinem Arzt.“
Abū Bakr ar-Rāzī, Akhlāq aṭ-Ṭabīb8
„Das Ziel des Arztes soll nicht das Geld sein, das er verdient. Er soll die Patienten gleich behandeln, unabhängig von ihrem Reichtum oder sozialen Stand.“
„Keine Behandlung ist besser als eine Behandlung, in der die Arroganz des Arztes erscheint.“
Medizin als kollektive Pflicht bei al-Ghazālī und Ibn Qudāmah
Neben diesen beiden Dimensionen der Tugend erinnert uns Imām al-Ghazālī in seinem monumentalen Iḥyāʾ ʿUlūm ad-Dīn daran, dass die Medizin zu den Farḍ al-Kifāyah der Umma gehört, einer kollektiven Pflicht. Wird sie nicht erfüllt, steht die gesamte Gemeinschaft in der Sünde.10
Ibn Qudāmah al-Maqdisī (gest. 1223) ergänzt in seinem Werk al-Mughnī die Kehrseite dieser Pflicht, nämlich die Haftung durch Kompetenz:
„Wenn ein Arzt nicht die nötigen Qualifikationen, das Wissen und die Expertise besitzt und sich dennoch darüber hinwegsetzt, so wird er dafür zur Rechenschaft gezogen.“
Ibn Qudāmah al-Maqdisī, al-Mughnī11
Ärztliche Kompetenz ist damit keine bloß technische Forderung, sondern eine moralische und religiöse Verpflichtung.
Quranische Grundlage
Der Koran legt das ethische Fundament für beide Dimensionen, Akhlāq und Ādāb:
إِنَّ اللَّهَ يَأْمُرُ بِالْعَدْلِ وَالْإِحْسَانِ وَإِيتَاءِ ذِي الْقُرْبَىٰ وَيَنْهَىٰ عَنِ الْفَحْشَاءِ وَالْمُنكَرِ وَالْبَغْيِ ۚ يَعِظُكُمْ لَعَلَّكُمْ تَذَكَّرُونَ
„Wahrlich, Allah gebietet Gerechtigkeit, gütiges Handeln (Iḥsān) und Freigebigkeit gegenüber den Verwandten, und Er verbietet das Schändliche, Verwerfliche und die Übertretung. Er ermahnt euch, auf dass ihr euch besinnen möget.“
Sūra an-Naḥl 16:90
Und über die Heiligkeit des Lebens, das der Arzt zu schützen hat:
وَمَنْ أَحْيَاهَا فَكَأَنَّمَا أَحْيَا النَّاسَ جَمِيعًا
„…und wer ein Leben rettet, es ist, als hätte er die gesamte Menschheit gerettet.“
Sūra al-Māʾida 5:32
Dazu das bekannte Wort von Imām ʿAlī ibn Abī Ṭālib:
„Wer Medizin ausübt, der sei gottesfürchtig (Taqwā), gebe aufrichtigen Rat (Naṣīḥah) und strenge sich ernsthaft an (Ijtihād).“
Imām ʿAlī ibn Abī Ṭālib12
Und heute? Der Arzt zwischen Abrechnung und Anstand
Wer dieses klassische Ideal liest, spürt schnell die Kluft zur heutigen Realität. Der Arzt von heute steht unter einem Druck, den ar-Ruhāwī und ar-Rāzī so nicht kannten: wirtschaftlicher Druck, Zeitdruck, Personalmangel, ein System, in dem nicht mehr der Patient im Zentrum steht, sondern die Ziffer, die sich abrechnen lässt. Diagnosen werden zu Codes, Menschen zu Fällen, Behandlungen zu Umsatz.
Daraus entsteht eine schleichende Erosion der ärztlichen Tugend. Entscheidungen folgen der Abrechnungslogik statt der medizinischen Indikation. Im Arztzimmer wird über Patienten gelästert, über Kollegen hergezogen, über das Pflegepersonal geschimpft. Empathie weicht der Schroffheit, das Zuhören dem Abarbeiten. Der Patient wird nicht mehr als ein Mensch gesehen, den Allah anvertraut hat, sondern als Maschine, die repariert werden muss, oder schlimmer, als Ware, die Ertrag bringen soll.
Vieles davon ist systemisch und trifft den einzelnen Arzt unverschuldet. Doch genau hier setzt die islamische Tradition an: Das System entlastet nicht von der persönlichen Verantwortung vor Gott. Taqwā, Iḥsān und Naṣīḥah sind keine Luxusgüter für ruhige Zeiten, sondern gerade dann gefordert, wenn alles drumherum in die entgegengesetzte Richtung zieht. Der Arzt, der trotz Zehn-Minuten-Taktung dem Patienten wirklich in die Augen schaut, der nicht lästert, wenn die Tür zufällt, der eine Leistung nicht abrechnet, weil sie medizinisch nicht nötig war, der lebt Akhlāq und Ādāb im Jahr 2026.
Der Ḥakīm, Verantwortung in drei Richtungen
All das fügt sich zu einem einzigen, umfassenden Konzept zusammen: der Verantwortung des Arztes in drei Richtungen, vor Gott, vor der Gesellschaft und vor sich selbst.
I
Vor Gott
Taqwā
Ikhlāṣ
Gottesbewusstsein und reine Absicht
II
Vor sich selbst
Akhlāq
Demut, Barmherzigkeit, Disziplin
III
Vor der Gesellschaft
Ādāb
Iḥsān
Naṣīḥah
Exzellenz, Gerechtigkeit, aufrichtiger Rat
Dies ist es, was wir den Ḥakīm nennen, den weisen Arzt, der seinen Glauben mit seinem Wissen vereint und den Menschen dient. Kein bloßer Techniker des Körpers, sondern ein Mensch, dessen Herz Gott fürchtet, dessen Charakter Barmherzigkeit ausstrahlt und dessen Hände kompetent, gerecht und verschwiegen jedem Hilfesuchenden dienen.
Denn die Heilung selbst kommt allein von Allah, asch-Schāfī. Der Ḥakīm heilt nicht. Er bemüht sich, durch sein Wissen, seinen Charakter und seine Gottesfurcht würdig zu werden, ein Werkzeug in Seiner Hand zu sein.
Referenzen
- Ghezloo et al., Journal of Medical Biography, 2024. ↩
- Mertek, mmertek.de, 2017. ↩
- Padela, Islamic Medical Ethics: A Primer, MCW. ↩
- Wikipedia, Adab al-Tabib. ↩
- Ghezloo et al., 2024; Mertek, 2017. ↩
- Chamsi-Pasha, Saudi Medical Journal, 2013. ↩
- JBIMA, Evolution of Islamic Medical Ethics, 2022. ↩
- The Islamic Reality, Medical Ethics in Islamic History, 2024. ↩
- Karaman, Abu Bakr Al-Razi and Medical Ethics. ↩
- Chamsi-Pasha & Albar, Doctor–Patient Relationship: Islamic Perspective, 2016. ↩
- Al-Kawtharī, Life as a Muslim Medic, Darul Iftaa, 2020. ↩
- Khalfan, Prescriptions for Physicians, al-islam.org, 2023. ↩