Hinter fast jedem großen Arzt der islamischen Geschichte steht ein Ort, an dem er lernen durfte. Einen der ältesten dieser Orte hat eine Frau gestiftet.
Fatima al-Fihri wurde um das Jahr 800 in Kairouan im heutigen Tunesien geboren. Ihre Familie wanderte nach Fès in Marokko aus, wo ihr Vater als Kaufmann zu Wohlstand kam. Als er starb, erbten Fatima und ihre Schwester Mariam ein Vermögen.
Sie hätten davon ein bequemes Leben führen können. Stattdessen entschieden sich beide für Sadaqa, für ein bleibendes Geschenk an ihre Gemeinde. Mariam ließ der Überlieferung nach eine Moschee errichten. Und Fatima baute etwas, das die Welt verändern sollte.
Im Jahr 859 legte sie in Fès den Grundstein für die Moschee al-Qarawiyyīn, benannt nach ihrer Heimatstadt Kairouan. Es heißt, sie habe gefastet, bis der Bau vollendet war, und nur Material vom eigenen Grund verwendet, damit alles aus rechtmäßigem Besitz stammte. Aus dieser Moschee wuchs eine Schule, und aus der Schule eine Universität.
Al-Qarawiyyīn gilt heute als die älteste durchgehend betriebene Bildungseinrichtung der Welt, anerkannt von der UNESCO und dem Guinness-Buch der Rekorde. Über die Jahrhunderte lehrte man dort nicht nur Qurʾan und Recht, sondern auch Medizin, Astronomie, Mathematik und Naturwissenschaften. Gelehrte wie Ibn Khaldūn lernten und lehrten in Fès.
Vor mehr als tausend Jahren verwandelte eine Frau ihr Erbe in eine Quelle des Wissens, die nie versiegt ist. Jeder muslimische Arzt, jede Pflegerin und jeder Lernende steht ein Stück weit in ihrer Schuld. Ihre Universität steht bis heute in Fès. Ihren Namen aber kennen die wenigsten. Es wird Zeit, dass sich das ändert.
وَقُل رَّبِّ زِدْنِي عِلْمٗا
„… und sprich: Mein Herr, lass mich an Wissen zunehmen.“
Sūrat Ṭā Hā (20:114)
Wissen als bleibende Spende
Genau hier liegt die Verbindung von Islam und Medizin. Fatima war keine Ärztin. Aber sie hat den Boden bereitet, auf dem Heilkunde und Wissenschaft über tausend Jahre wachsen konnten. Der Prophet ﷺ sagte, dass mit dem Tod eines Menschen seine Taten enden, außer dreien: einer fortwährenden Spende, einem nützlichen Wissen und einem rechtschaffenen Kind, das für ihn betet. Fatima hat gleich zwei davon gestiftet. Das Wissen, das sie ermöglicht hat, fließt bis heute.