Eines der ältesten eigenständigen Werke der Medizinethik überhaupt beginnt nicht mit einer Krankheit, sondern mit einem Vertrauen. Es heißt Akhlāq aṭ-Ṭabīb, „Die Ethik des Arztes“, ein Sendschreiben des großen ar-Rāzī an seine Schüler. Sein erster Satz lautet:
„Wer zu dir kommt, der hat das Beste von dir erwartet, und wer dich gewählt hat, der hat dich zum Treuhänder seiner Seele gemacht.“
ar-Rāzī, Akhlāq aṭ-Ṭabīb
Es erklärt nicht, wie man eine Krankheit heilt. Es erklärt, wie man ein Arzt wird.
Abū Bakr ar-Rāzī, gestorben um 925, leitete die Bīmāristāne von Rayy und Bagdad. Er schrieb diese Regeln also nicht am Schreibtisch, sondern aus dem täglichen Dienst am Krankenbett. Und das Krankenhaus, aus dem heraus er schrieb, war eine islamische Einrichtung. Behandlung umsonst, für den Armen wie für den Fürsten, getragen vom Waqf, und zugleich eine Schule. Die Prinzipien des Werks tragen genau diesen Geist.
Was legt ar-Rāzī dem Ṭabīb auf? Zuerst das Lernen, das nie aufhört. Das Erste, was du dir schuldest, schreibt er, ist, dich von Zerstreuung und Vergnügen fernzuhalten und unablässig in den Büchern zu lesen. Dann die Sanftheit und die Verschwiegenheit. Der Arzt soll rafīq sein, sanft zu den Menschen, soll ihre Blöße schützen und ihre Geheimnisse bewahren. Drittens die Demut. ar-Rāzī warnt vor dem Behandler, den der Hochmut packt, sobald ein Kranker unter seinen Händen genest, als wäre er selbst und nicht Allah der Heilende. Viertens die Gerechtigkeit. Der Arzt soll den Armen behandeln, wie er den Reichen behandelt. Und schließlich die Sorgfalt vor der Tat. Keine Behandlung ohne gründliche Untersuchung, kein Aderlass ohne Prüfung von Vorgeschichte, Puls und Urin, und immer zuerst das mildere Mittel. Vor den Scharlatanen, die ohne Wissen und ohne Gewissen behandeln, warnt er ausdrücklich.
Man muss sich klarmachen, was das ist. Ein Ehrenkodex der Heilberufe, tausend Jahre vor den modernen Berufsordnungen. Nicht in einem Ausschuss beschlossen, sondern von einem Meister an seine Schüler geschrieben, gewachsen aus dem islamischen Krankenhaus.
Der Patient ist eine Amāna
Das Herzstück ist jener erste Satz. Der Patient macht dich zum amīn rūḥihi, zum Treuhänder seiner Seele. Genau das meinen wir bei HAKIM, wenn wir sagen, der Patient ist eine Amāna. Ein Mensch legt sich in deine Hand, verletzlich und im Vertrauen, und dieses Anvertraute ist am Ende von Allah.
Wer das begriffen hat, für den ergibt sich der Rest von selbst, das Lernen, die Sanftmut, die Demut, die Gerechtigkeit. Akhlāq aṭ-Ṭabīb ist deshalb kein Stück Medizingeschichte zum Bestaunen. Es ist eine Gewissensprüfung, die für uns heute so frisch ist wie vor elf Jahrhunderten.