In der westlichen Welt hört man oft, Wissenschaft und Religion stünden sich als Gegner gegenüber. Die eine sei der Weg zur Wahrheit, die andere nur der Weg des Glaubens. Die Wissenschaft schreite voran, während der Glaube hinterherhinke und den Fortschritt eher bremse. Unter Muslimen gibt es dazu ein entgegengesetztes Bemühen: in jedem Vers ein naturwissenschaftliches Wunder zu suchen und den Islam damit gleichsam beweisen zu wollen. Das Gebet wird zur Arthrose-Vorbeugung, das Fasten zum Zellreinigungsprogramm, jeder ʿibāda heftet man ihren messbaren Nutzen an. So gut gemeint das ist, es nimmt der Anbetung ihren wahren Kern. Denn wir beten nicht, weil es den Gelenken hilft, sondern weil Allah taʿālā es uns aufgetragen hat. Der Nutzen mag da sein, aber er ist nicht der Grund.
Zwischen diesen beiden Verirrungen steht eine kleine, kaum beachtete Begebenheit aus dem Leben des Propheten ﷺ. Als sein Sohn Ibrāhīm im Kindesalter verstarb, verfinsterte sich am selben Tag die Sonne. Für die Menschen lag der Schluss nahe: Der Himmel selbst trauere um den Sohn des Gesandten Allahs. Ein Schwindler hätte diesen Moment ergriffen und die verdunkelte Sonne zum Zeichen seiner eigenen Größe erklärt. Der wahrhaftige Prophet ﷺ aber tat das Gegenteil. Er sagte:
إِنَّ الشَّمْسَ وَالْقَمَرَ آيَتَانِ مِنْ آيَاتِ اللَّهِ، لَا يَنْكَسِفَانِ لِمَوْتِ أَحَدٍ وَلَا لِحَيَاتِهِ.
Die Sonne und der Mond sind zwei Zeichen von den Zeichen Allahs. Sie verfinstern sich nicht wegen des Todes oder des Lebens eines Menschen.
Ṣaḥīḥ al-Buḫārī 1043, Buch 16, Hadith 4 · Ṣaḥīḥ Muslim 915, Buch 10, Hadith 31
In diesem Satz liegen hunderte Weisheiten. Wir wollen uns hier nur einem einzigen Aspekt widmen. Es gibt einen Bereich der Rechtleitung, der Hudā und Hidāya: wer der Mensch ist, wozu er lebt, was Sinn und Wert seines Daseins ausmacht. Das ist der Bereich der Offenbarung, wie Allah sie uns im Quran und durch Seinen Gesandten ﷺ gegeben hat. Und es gibt den Bereich der Natur und ihrer Gesetze: wie das Universum sich bewegt, wie der Körper funktioniert, warum sich eine Sonne verfinstert.
Beide sind mit dem Verstand zu betrachten, aber auf verschiedene Weise. Bei der Offenbarung obliegt es dem Verstand, sie zu verstehen und anzuwenden. Bei der Natur soll er beobachten, Vermutungen anstellen, untersuchen, im Experiment prüfen und gestaltend eingreifen. Der wahrhaftige Prophet ﷺ hat die Sonnenfinsternis darum nicht in die Offenbarung hineingezogen. Er ließ sie das sein, was sie ist: ein Vorgang in der Schöpfung, den der Mensch als solchen verstehen soll, ohne ihn künstlich in Bezug zur Offenbarung oder zum Sinn des Menschen zu bringen, wie es die Astrologen fälschlicherweise tun.
Diese beiden Bereiche widersprechen einander nie. Es sind zwei Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit, und sie tragen einander. Der Hadith, dass Allah zu jeder Krankheit auch ein Heilmittel herabgesandt hat, ist Offenbarung:
مَا أَنْزَلَ اللَّهُ دَاءً إِلَّا أَنْزَلَ لَهُ شِفَاءً
Allah hat keine Krankheit herabgesandt, ohne dass Er auch ein Heilmittel dafür herabgesandt hat.
Ṣaḥīḥ al-Buḫārī 5678, Buch 76, Hadith 1
Dieses Heilmittel zu suchen, zu erforschen und zu entdecken, ist Wissenschaft, und der Muslim ist dabei von der Offenbarung angetrieben. Das Verabreichen des Medikaments ist Wissenschaft, das Bittgebet dabei ist Offenbarung. Wer nur das eine tut, vernachlässigt das andere.
In den Heilberufen erleben wir das jeden Tag. In der Wissenschaft betrachten wir den menschlichen Körper als biologischen Organismus, ein Gefüge aus Zellen, Organen und Regelkreisen, das wir erforschen und behandeln. Aus dem Īmān betrachten wir denselben Körper als Diener Allahs, als Schöpfung, als ein Wesen, das zur Prüfung und zur Anbetung erschaffen wurde. Wer die Schöpfung erforscht, versteht die Schöpfung Allahs besser.
Der Quran ruft uns immer wieder dazu auf, genau hinzusehen:
إِنَّ فِي خَلْقِ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ وَاخْتِلَافِ اللَّيْلِ وَالنَّهَارِ لَآيَاتٍ لِّأُولِي الْأَلْبَابِ
In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen.
Sūra Āl ʿImrān 3:190
Vielleicht ist es kein Zufall, dass dasselbe Wort für die Verse des Quran und für die Zeichen in der Natur steht: āyāt. Derjenige, der die Verse des Quran offenbart und daraus ein Buch der Rechtleitung gemacht hat, ist auch der Autor der Natur. Er hat ihre Ordnung und ihre Gesetze geschrieben wie Zeichen, die uns zum Staunen bringen sollen, so wie der Quran es an vielen Stellen tut. Das eine sind die Zeichen der Offenbarung, das andere die Zeichen in der Schöpfung. Beide stammen von demselben, und beide laden uns ein, hinzusehen und nachzudenken.
Der Ḥakīm vereint diese beiden Aspekte in seinem Charakter. Er versteht die āyāt im Buch Allahs und die āyāt in Seiner Schöpfung und verbindet beide zu einer untrennbaren Einheit.