Das Herz hatte in allen Kulturkreisen der Menschheitsgeschichte einen hohen Stellenwert, als lebenswichtiges, zentrales Organ und zugleich auf spirituell-emotionaler Ebene. Die antiken griechischen, römischen, ägyptischen, altchinesischen, hinduistischen und christlichen Kulturen betrachteten das Herz als das zentrale Organ, das den Rest des Körpers ernährte. Die alten Chinesen sahen im Herzen (xin) die Quelle des Glücks und aller anderen Emotionen; es war ihnen zugleich der Sitz der Weisheit und moralischer Werte sowie die Wurzel des Lebens und der Spiritualität. Für die alten Ägypter waren Geist und Körper untrennbar, und sie betrachteten das Herz als Zentrum der Blutversorgung, mit Gefäßen für jedes Körperteil.
Eine hinduistische Schrift aus den Jahren 200 bis 400 v. Chr. beschreibt den Paramatma als die höchste Seele, die im Herzen jeder lebenden Entität wohnt. Das Herzchakra war ebenso der Ort für komplexe Emotionen wie Mitgefühl, Zärtlichkeit und bedingungslose Liebe. Das Herz war also nirgends bloß ein Organ unter anderen; wer es beschrieb, beschrieb immer auch den Menschen.
Umso schwerer wog, was die griechisch-römische Medizin über seinen Bau und seine Funktion lehrte, denn diese Lehre hielt sich über anderthalb Jahrtausende. Dieser Artikel folgt ihrem Weg: von Aristoteles und Galen über die ersten Zweifel muslimischer Mediziner bis zu Ibn al-Nafis, der im 13. Jahrhundert den Lungenkreislauf beschrieb, und weiter bis zu einem Kardiologen unserer Tage, der das Herz erneut größer denkt als eine Pumpe.
Aristoteles, Galen und der Herdstein des Körpers
Der griechische Philosoph Aristoteles identifizierte das Herz als das wichtigste Organ des Körpers, da es sich gemäß seinen Beobachtungen an Hühnerembryonen als erstes Organ bildete. Er beschrieb es als ein dreikammeriges Organ, welches der Sitz von Intelligenz, Bewegung, Empfindung und Vitalität im Körper war. Laut Aristoteles war das Herz als Organ heiß und trocken; er glaubte daher, dass andere Organe wie das Gehirn und die Lunge hauptsächlich dazu dienten, das Herz abzukühlen. Diese Meinung wurde vom römischen Arzt Galen ebenfalls vertreten. Er schrieb sinngemäß, dass das Herz gewissermaßen der Herdstein und die Quelle der angeborenen Hitze ist, durch die quasi der Körper regiert wird. Es war laut Galen auch das Organ, das am engsten mit der Seele verbunden war.
Galens Kreislauf: die Leber als Quelle
Die Vorstellung Galens über das Herz und das Kreislaufsystem besagte, dass die Leber die Quelle aller Venen sei und das Hauptorgan für die Blutproduktion darstelle. Nährstoffe wurden im Darm verarbeitet und dann von der Leber in Blut umgewandelt; das Blut bewegte sich von der Lebervene zur Hohlvene und versorgte alle Teile des Körpers über und unterhalb der Leber. Im Gegensatz zur Theorie des Erasistratus glaubte Galen, dass die Arterien mit Blut gefüllt seien, welches durch eine Mischung aus Luft aus den Lungen über die Lungenvene und Wärme vom Herzen mit lebenswichtigen Geistern angereichert sei. Das Blut passierte von der rechten Herzkammer zur linken Herzkammer durch unsichtbare Poren im interventrikulären Septum. Das Herz selbst war laut Galen kein Muskel und hatte keine Pumpfunktion; das Blut floss einfach durch es hindurch.
Wie Erasistratus stimmte Galen zu, dass das Blut nicht abgebaut wurde, sondern verdunstete oder von den Organen verbraucht wurde. Seine Theorien hielten an, bis William Harvey bewies, dass sie falsch waren.
Die späte Korrektur in Europa
Vor Harvey hatte Andreas Vesalius, Professor für Anatomie an der Universität Padua, durch sein siebenbändiges Meisterwerk „De Humani Corporis Fabrica“, das 1543 veröffentlicht wurde, die Vorstellung der menschlichen Anatomie umgestaltet. Galens anatomische Studien basierten auf lebenden oder toten Tieren, da ihm der Zugang zu menschlichen Körpern verwehrt war; Vesalius dagegen führte detaillierte Leichendissektionen durch, welche viele von Galens Ansichten herausforderten. Realdo Colombo, ein Schüler von Vesalius, konnte die Existenz von Galens interventrikulären Poren ebenfalls nicht beweisen. Er stellte die These auf, dass das Blut durch die Lungengefäße reiste, anstatt durch unsichtbare Poren.
Der englische Arzt William Harvey demonstrierte schließlich:
- dass der dynamische Ausgangspunkt des Blutes das Herz und nicht die Leber war,
- dass die Kontraktion und nicht die Dilatation des Herzens mit dem Puls einherging,
- dass der Puls nicht durch das Weiten und Zusammenziehen der Arterien erzeugt wurde, sondern durch das Füllen der Arterien mit Blut bei jeder Kontraktion,
- dass es in den Venen keine Pulsation gibt, sondern vielmehr einen konstanten Strom von Blut von der Peripherie zum Herzen,
- dass das Blut in den Arterien dasselbe ist wie in den Venen,
- und dass es keine Poren im Septum zwischen den Ventrikeln gibt.
Ein neues Weltreich der Wissenschaft
Die Lehren griechischer und römischer Mediziner und Wissenschaftler waren jahrhundertelang die dominierende Lehre in Europa. Mit dem Zerfall des weströmischen Reiches und dem Aufstieg der katholischen Kirche zur politischen Autorität in Europa gab es im Bereich der Medizin dort kaum Innovationen und Fortschritt. Währenddessen entstand zu dieser Zeit unter dem Banner des Islams ein neues Weltreich, welches vom indischen Subkontinent bis zur iberischen Halbinsel reichte. Hier entstanden in den Städten Bagdad und Kairo die ersten Krankenhäuser, unter der Dynastie der Abbasiden entwickelte sich die Pharmazie zu einem eigenständigen Fach, und das damalige islamische Andalusien wurde zum Ausgangspunkt der modernen Chirurgie.
Auch in der islamischen Welt galten Galens medizinische Lehren allerdings lange Zeit als unantastbar. Wissenschaftliche Widerlegungen seiner Lehren wurden von den damaligen Wissenschaftlern und Hochschulen in der islamischen Welt angefeindet. Wer das Herz neu beschrieb, tat es also gegen den Widerstand der eigenen Fachwelt.
al-Majusi und der erste Zweifel
Einer der ersten Mediziner, der die Lehren Galens in Frage gestellt hat, war der persische Mediziner Ali ibn al-Abbas al-Majusi (930 bis 994) gewesen; er wird als einer der größten Ärzte des östlichen Kalifats angesehen. Er war einer der Ersten, der die Existenz einer Kommunikation zwischen den rechten und linken Höhlen des Herzens leugnete, wie es Galen (129 bis etwa 216 n. Chr.) fälschlicherweise geschrieben hatte. Diese Idee und dieses Wissen erleichterten später im 13. Jahrhundert die Beschreibung des pulmonalen Kreislaufs. Er schrieb auch, dass die Lungenarterien aus zwei Schichten bestehen, einer mit inneren schrägen Fasern und einer mit äußeren länglichen Fasern, welche ihre Entspannung (Dilatation) und Kontraktion ermöglichen.
Ibn Sina: Klappen, Puls und Herzrhythmus
Ein weiterer wichtiger Mediziner, der viele medizinische Entdeckungen im Bereich des kardiovaskulären Systems machte, war der zentralasiatische Mediziner und Universalgelehrte Ibn Sina (980 bis 1037, in Europa bekannt als Avicenna) gewesen. Ibn Sina war eine führende Figur der orientalisch-islamischen Medizin; darüber hinaus war er Philosoph, Politiker, Enzyklopädist, Astronom und Mathematiker, der zahlreiche Werke verfasste. Sein bekanntestes medizinisches Werk war der „Kanon der Medizin“. Er entdeckte, dass die Aortenklappe aus drei Taschen besteht: Diese öffnen sich, wenn das Blutvolumen während der Kontraktion aus dem Herzen ausgestoßen wird, und sie schließen sich während der Ausdehnung des Herzens. Darüber hinaus erwähnte er die Arrhythmie und versuchte, die Ursache von Thrombosen zu klären.
Ibn Sina war außerdem ein Pionier in der Untersuchung und Erforschung des menschlichen Pulses. Nach ihm besteht jeder Pulsschlag aus zwei Bewegungen und zwei Pausen; die normale Pulswelle besteht daher aus Dilatation, Pause, Konstriktion, Pause. Somit lehnte er die Idee Galens ab, dass jedes Organsystem sein eigenes Pulssystem habe.
In seinen Werken erklärte Ibn Sina sehr ausführlich die Symptome, Auswirkungen und Behandlung von Vorhofflimmern. Er erwähnte, dass das Vorhofflimmern durch ein Herztrauma sowie durch Verletzungen des Perikards und der Nachbarorgane verursacht wird. Er beschrieb außerdem, dass alle Arten von Herzinsuffizienz aufgrund ihres unregelmäßigen Betriebs zu Vorhofflimmern führen können. Ibn Sina unterstützte die Ansicht, dass akutes Vorhofflimmern zum Verlust der Sensibilität führt, während akutes und langanhaltendes Vorhofflimmern zum Tod führen kann. Er beschrieb die schwachen Drücke bei Karotisstenose und lieferte die erste Beschreibung des Krankheitsbildes des Karotissinussyndroms. Ibn Sina glaubte, dass die lokale Konzentration von „abnormen Säften“ in den Gefäßen zu einer Obstruktion führt.
Das Buch der Herzmedikamente
In seinem Werk Kitab al-Adwiya al-Qalbiyya (Buch der Medikamente bei Herzkrankheiten) widmete sich Ibn Sina ausführlich kardiologischen Pharmazeutika. Dieses Werk wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts erstmals von Arnaud de Villeneuve (um 1240 bis 1311) ins Lateinische übersetzt und mit dem Titel De medicinis cordialibus versehen. Das Buch beschreibt einfache und komplexe kardiologische Medikamente und unterteilt diese in Stimulanzien, Diuretika und Inhibitoren. Insgesamt werden 83 einfache und 17 komplexe Medikamente in Form von Elixieren, Morsellen, Pillen und Sirupen aus Pflanzen, Tieren und Mineralien erwähnt, und ihre Wirkungsweise am Herzen wird ausführlich erläutert; darüber hinaus wurden die Stärke und die Dosierung jedes Medikaments beschrieben.
Eines der im Buch erwähnten Medikamente ist der „Zarnab“ (Taxus baccata L.), welcher eine „Entspannung des Herzens“ bewirkt. Heutzutage wissen wir, dass Taxus baccata (auch bekannt als Gemeine Eibe) giftige Alkaloid-Toxine enthält und eine calciumkanalblockierende Aktivität aufweist. Man kann sagen, dass Ibn Sina eine solche Art von Medizin lange vor der Verwendung synthetischer Medikamente einsetzte, obwohl unklar bleibt, in welchen Fällen er dieses Medikament verschrieb.
Ibn al-Nafis, der das Septum schloss
Einer der ersten renommierten muslimischen Ärzte, welche Galens Lehren widerlegten, war der arabische Mediziner und Universalgelehrte Ibn al-Nafis gewesen. Er war der bedeutendste Mediziner der islamischen Medizingeschichte in Bezug auf das kardiovaskuläre System. Er stellte Galens Behauptung in Frage, dass das Blut durch das interventrikuläre Septum des Herzens fließen könne; entsprechend glaubte er, dass das gesamte Blut, das die linke Herzkammer erreichte, durch die Lunge ging. Er behauptete auch, dass es kleine Verbindungen oder Poren (arabisch manafidh) zwischen der Lungenarterie und der Lungenvene geben müsse, eine Vorhersage, die 400 Jahre vor der Entdeckung der Lungenkapillaren durch Marcello Malpighi gemacht wurde.
Ibn al-Nafis wurde 1213 in der Umgebung von Damaskus geboren und erhielt seine medizinische Ausbildung dort am Bimaristan al-Nuri (Krankenhaus). Im Alter von 23 Jahren zog er nach Kairo, wo er zunächst am al-Nasiri-Krankenhaus arbeitete und später am al-Mansuri-Krankenhaus, an dem er Chefarzt wurde. Mit nur 29 Jahren veröffentlichte er sein wichtigstes Werk, den Kommentar zur Anatomie im Kanon von Ibn Sina, der seine bahnbrechenden Ansichten zum Lungenkreislauf enthielt. Er arbeitete auch an einem medizinischen Lehrbuch, dem „umfassenden Lehrbuch der Medizin“; das Werk wurde nie abgeschlossen, war jedoch die größte medizinische Enzyklopädie seiner Zeit.
Ibn al-Nafis war ein sehr gläubiger sunnitischer Muslim und Universalgelehrter gewesen. Neben medizinischen Themen beschäftigte er sich darüber hinaus auch mit dem islamischen Recht, der Theologie, der Philosophie, der Soziologie und der Astronomie. Er verfasste auch einen der ersten arabischen Romane, welcher als „Theologus Autodidactus“ übersetzt wurde: eine Science-Fiction-Geschichte über ein Kind, das auf einer isolierten Wüsteninsel aufwächst und schließlich mit der Außenwelt in Kontakt kommt.
Das Schema, das er vorfand
Zur Zeit von Ibn al-Nafis waren die medizinischen Lehren Galens dominierend. Ibn Sina studierte Galens Schriften ausführlich und verfeinerte sie in gewissem Maße. In Galens Schema wurde die Nahrung im Darm verarbeitet und zur Leber transportiert, wo das Blut gebildet und mit natürlicher Energie gemischt wurde. Das Blut floss dann in den rechten Ventrikel, von wo aus etwas über die Lungenarterie in die Lungen gelangte, um sie zu versorgen; der Rest des Blutes aber erreichte den linken Ventrikel durch „unsichtbare Poren“ im interventrikulären Septum. Die Existenz dieser sogenannten Poren war lange Zeit ein Rätsel für die Anatomen, aber sie waren ein notwendiger Bestandteil des galenischen Schemas, weil nicht erkannt wurde, dass eine große Menge Blut von den Lungen wieder zum Herzen floss.
Im linken Ventrikel wurde das Blut laut Galen mit Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft gemischt, und das Ergebnis war die Bildung von „Lebensgeist“, der durch das arterielle Blut im ganzen Körper verteilt wurde. Ein Teil erreichte das Gehirn und wurde dann laut Galen über die Nerven verteilt, von denen man annahm, dass sie hohl waren. Die Bildung von „Lebensgeist“ im linken Ventrikel führte zur Entstehung von rußigen (schwarzen) Abfallprodukten, welche durch die Lungenvene zurück zur Lunge gelangten und dann mit dem Atem ausgeatmet wurden.
Die drei Korrekturen
In seinem Kommentar zum Kanon von Ibn Sina machte Ibn al-Nafis drei wichtige Innovationen zur Korrektur des galenischen Schemas. Zunächst stellte er kategorisch fest, dass das interventrikuläre Septum zwischen dem rechten und dem linken Ventrikel nicht porös war und kein Blut durchlassen konnte, wie es im galenischen Modell entscheidend war. Er sagte sinngemäß: „Aber es gibt keinen Durchgang zwischen diesen beiden Hohlräumen [rechten und linken Ventrikeln]; denn die Substanz des Herzens ist in diesem Bereich fest und hat weder einen sichtbaren Durchgang, wie von einigen Personen angenommen wurde, noch einen unsichtbaren, der die Übertragung von Blut ermöglicht hätte, wie von Galen behauptet wurde. Die Poren des Herzens dort sind geschlossen und seine Substanz ist dick.“
An einer anderen Stelle seines Werkes sagt er sinngemäß: „Es gibt überhaupt keinen Durchgang zwischen diesen beiden Ventrikeln; wenn es einen gäbe, würde das Blut zum Ort des linken Ventrikels eindringen und seine Substanz ruinieren. Die Anatomie widerlegt die Behauptungen früherer Autoren. Im Gegenteil, das Septum zwischen den beiden Ventrikeln ist dicker als andere Teile, um den Durchgang von Blut oder Energie, die schädlich sein könnten, zu verhindern. Daher ist die Behauptung einiger Personen, dass dieser Ort porös sei, falsch. Sie basiert auf der vorgefassten Idee, dass das Blut aus dem rechten Ventrikel durch diese Porosität gelangen müsse, und sie liegen falsch!“
Zweitens schlussfolgerte er, dass, da es keine Kommunikation zwischen dem rechten und dem linken Ventrikel durch das interventrikuläre Septum gibt, der Ausstoß des rechten Ventrikels nur über den Lungenkreislauf den linken Ventrikel erreichen kann. Drittens erklärt Ibn al-Nafis in einem weiteren kurzen Abschnitt, dass kleine Kommunikationswege zwischen der Lungenarterie und der Lungenvene vorhanden sein müssen. Dies war eine inspirierte Vorhersage der Existenz der Lungenkapillaren, denn diese wurden erst 400 Jahre später von Marcello Malpighi (1628 bis 1694) entdeckt. Erst 300 Jahre später kamen auch Gelehrte in Europa zu demselben Schluss, dass das Blut durch den Lungenkreislauf fließen musste und nicht direkt vom rechten zum linken Ventrikel gelangen konnte.
Der König der Organe
Aufgrund der immensen Bedeutung des Herzens in der islamischen Theologie übt das Herz bis heute eine große Faszination auf muslimische Ärzte und Wissenschaftler aus. Einer der bekanntesten muslimischen Mediziner in diesem Zusammenhang in unserer heutigen Zeit ist Dr. Abdullah Alabdulgader, welcher aus dem us-amerikanisch besetzten Saudi-Arabien stammt. Als gläubiger Muslim stand er der modernen Kardiologie des 20. Jahrhunderts, welche die Funktion des Herzens auf eine reine Pumpe beschränkte, sehr kritisch gegenüber. Im Gegensatz dazu erwähnt der heilige Quran das Herz etwa 145-mal in verschiedenen Synonymen als Funktion des Glaubens und der emotionalen Verarbeitung.
Diese massive Widersprüchlichkeit und wissenschaftliche Lücke zwischen dem pumpenden Herzen auf der einen Seite und dem spirituellen Herzen auf der anderen Seite bereitete Dr. Abdullah Alabdulgader große Sorgen, und es war sein Traum, die Problematik zu lösen und die Lücke zu füllen. Im Dezember 2005 beschrieb er eine neue angeborene Herzanomalie, und er nutzte seinen Erfolg, um seinen Lebenstraum zu erfüllen: Er organisierte fünf Herzkonferenzen mit dem Titel „Der König der Organe“ (2006, 2008, 2010, 2012 und 2019). Hunderte renommierter Redner präsentierten bei den einzigartigen kardiologischen Konferenzen ihre neuesten Forschungsergebnisse.
Ziel der Konferenzen war es, ein neues Verständnis für die Wechselwirkung zwischen dem Herzen und dem neurologischen System zu entwickeln und zu beweisen, dass das Herz mehr ist als nur eine einfache Pumpe. Das Herz verfügt über ein eigenständiges Nervensystem, welches über 40 000 neuronale Verschaltungen aufweist. Es kann damit unabhängig vom Gehirn empfinden, erinnern, Entscheidungen treffen und lernen; die herzeigene neuronale Verschaltung wird daher auch als „Herzgehirn“ bezeichnet. Das Herz ist nach jetzigem Wissensstand also viel mehr als nur eine Pumpe.
Ein Auftrag an die Gegenwart
Von al-Majusis erstem Zweifel über Ibn Sinas Pulslehre und Ibn al-Nafis‘ Lungenkreislauf bis zu den Konferenzen über den König der Organe zieht sich dieselbe Haltung: nicht zu übernehmen, was andere für gesichert erklären, sondern selbst nachzusehen. Diese grob zusammengefassten Beispiele wichtiger Leistungen muslimischer Mediziner sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart sollten uns Muslime immer wieder motivieren, angetrieben von unserer islamischen Weltanschauung maximal innovativ zu arbeiten und eigene Akzente zu setzen, statt unterwürfig Dogmen anderer ideologischer Systeme zu folgen.
Was bleibt
Dies war nur ein kurzer Überblick über einen schmalen Ausschnitt der Medizingeschichte, und doch liegt in ihm ein klarer Bogen. Anderthalb Jahrtausende lang beschrieb die Medizin das Herz mit Galens Worten: die Leber als Quelle des Blutes, unsichtbare Poren im Septum, ein Organ ohne Pumpfunktion. al-Majusi bestritt als einer der Ersten die Verbindung zwischen den Herzhöhlen, Ibn Sina vermaß Klappen und Puls, beschrieb Rhythmusstörungen und schrieb ein eigenes Buch über die Arzneien des Herzens, und Ibn al-Nafis zog mit 29 Jahren die Konsequenz, die in Europa erst dreihundert Jahre später gezogen wurde: Ist das Septum dicht, muss alles Blut durch die Lunge. Seine Vorhersage der winzigen Verbindungen zwischen Lungenarterie und Lungenvene wartete vierhundert Jahre auf ihr Mikroskop.
Wer heute einen Puls tastet, eine Aortenklappe beurteilt oder einen Calciumantagonisten verordnet, arbeitet in einer Linie, an der auch die Ärzte von Bagdad, Damaskus und Kairo geschrieben haben. Und die Frage, die den Konferenzen über den König der Organe zugrunde liegt, ob das Herz mehr sei als eine Pumpe, ist im Kern dieselbe, welche die alten Kulturen an dieses Organ gestellt haben.
Quellen
- West, John B. (2008): Ibn al-Nafis, the pulmonary circulation, and the Islamic Golden Age.
- Rosch, Paul J. / Alabdulgader, Abdullah A. (2021): Unappreciated Contributions of Arabic Physicians to Cardiology and Why the Heart Is Truly the „King of Organs“.
- Papastavrou, Georgia / Karamanou, Marianna / Papaioannou, Theodoros / Agapitos, Emmanouil / Androutsos, George (2018): The arabo-islamic contribution to the evolution of cardiology. Balkan Medical Union.
