Nach islamischer Glaubenslehre hat der Mensch eine sehr hohe Stellung in der Schöpfung und ist als Statthalter auf Erden eingesetzt worden. Der Mensch darf die Güter und Ressourcen der Erde für sich nutzen, er hat aber auch eine große Verantwortung ihr gegenüber und muss sich am jüngsten Tag dafür verantworten. So ist das auch mit den Tieren. Der Mensch darf Tiere als Nahrungsmittel, als Reittiere, für den Warentransport und bspw. als berittene Einheit im Krieg nutzen. Er ist aber verpflichtet, Tiere fair und gut zu behandeln und mit der Natur schonend und nachhaltig umzugehen. Die islamische Tier- und Umweltethik ist sehr streng.
Aufgrund dessen war in der islamischen Geschichte das Interesse an der Erforschung von Tieren sehr groß. Es richtete sich dabei keineswegs allein auf die Nutztiere; auch das Interesse an der Erforschung von wilden Tieren war sehr groß. Aus dieser Haltung wuchsen über Jahrhunderte zwei Stränge, die dieser Artikel zusammen erzählt: die Zoologie, welche die Tierwelt beschrieb und ordnete, und die Veterinärmedizin, welche sie behandelte. Der Weg führt von den mündlichen Überlieferungen der Wüstenaraber über die Übersetzungen des goldenen Zeitalters zu den großen Tierbüchern des neunten Jahrhunderts, weiter zu den Pferdeärzten der Kalifen und Mamluken, zu den Naturforschern des Mogulreichs und schließlich zu den osmanischen Stiftungen, welche Straßenhunde fütterten und Störchen die gebrochenen Flügel schienten.
Die Grundlage: zahlreiche Aussagen des Propheten
Es gibt zahlreiche Aussagen des Propheten (Friede sei auf ihm) im Bezug zum Umgang mit Tieren:
- Ein Muslim muss ein Tier versorgen, wenn er es hungrig oder durstig vorfindet. Dies basiert auf der Aussage des Propheten (Friede sei auf ihm): „Es gibt eine Belohnung [für die Versorgung] von allem, das eine feuchte Leber hat [das ein lebendes Geschöpf ist].“ (Ahmad)
- Ein Muslim sollte Mitgefühl und Barmherzigkeit gegenüber Tieren haben. Der Prophet (Friede sei auf ihm) sagte: „Wer keine Barmherzigkeit zeigt, dem wird keine Barmherzigkeit gezeigt.“ (al-Bukhari und Muslim)
- In einer anderen Überlieferung sagte der Prophet (Friede sei auf ihm): „Habt Erbarmen mit denen auf der Erde, und Der Eine über den Himmeln wird Erbarmen mit euch haben!“ (at-Tabarani)
- Als der Prophet (Friede sei auf ihm) eine Menschengruppe sah, die ein lebendiges Tier als Zielscheibe zum Bogenschießen benutzte, sagte er: „Möge Allah denjenigen verfluchen, der irgendein Lebewesen mit einer Seele als Zielscheibe benutzt!“ (Muslim) Ein anderes Mal war ein Vogel verzweifelt, weil jemand seine Jungen aus deren Nest genommen hatte. Der Prophet (Friede sei auf ihm) sagte daraufhin: „Derjenige, der diesen hier wegen seines Jungen betrübt hat, gibt ihm sein Junges zurück.“ (Abu Dawud)
- Der Muslim muss gütig zu einem Tier sein, selbst wenn er im Begriff ist, es zu schlachten. Der Prophet (Friede sei auf ihm) sagte: „Allah hat wahrhaftig in allen Dingen Vorzüglichkeit vorgeschrieben! Wenn ihr also tötet, dann tötet auf die beste Weise! Wenn ihr schlachtet, dann schlachtet auf die beste Weise! Jeder von euch sollte seine Klinge schärfen und dem Tier, das er schlachtet, Leid ersparen!“ (Muslim)
- Ein Muslim sollte ein Tier niemals in irgendeiner Weise quälen, indem er es beispielsweise schlägt, es mehr tragen lässt, als es kann, es verstümmelt oder es verbrennt. Der Prophet (Friede sei auf ihm) verbot außerdem, Tiere zu fesseln, bis sie sterben; er sagte einmal: „Eine Frau kam auf Grund einer Katze, die sie fesselte, ins Höllenfeuer. Weder fütterte sie sie, noch ließ sie sie frei, um die Insekten vom Boden zu fressen, bis sie starb.“ (al-Bukhari) Allahs Gesandter (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) ging einst an einem Ameisenhügel vorbei, der niedergebrannt worden war, und sagte: „Es schickt sich nicht, dass jemand mit Feuer bestraft, außer der Herr des Feuers!“ (Abu Dawud)
Wüstenmedizin und die Sonderstellung des Pferdes
Die Veterinärmedizin wurde auf der arabischen Halbinsel schon in vorislamischer Zeit praktiziert. Die heidnischen Araber waren in der Lage, viele Erkrankungen ihrer Tiere zu behandeln: Krätze, Pest, Diarrhö-Erkrankungen, Tollwut sowie einige neurologische und ophthalmologische Erkrankungen. Die Gesundheit ihrer Nutztiere hatte bei den Arabern schon in vorislamischer Zeit eine sehr hohe Priorität gehabt. Der Grund war, dass viele Araber damals ein nomadisches Leben in der Wüste geführt hatten und ihr eigenes Überleben stark vom Überleben ihrer Tiere abhing. Es gibt aus der vorislamischen Zeit allerdings keine schriftlichen Werke aus dem Bereich der Tiermedizin oder Zoologie; die medizinische Heilkunst der Tiere wurde über die Generationen mündlich überliefert.
Besonders das Pferd hatte bei den heidnischen Arabern wie auch später in der islamischen Zeit eine besondere Stellung unter allen Nutztieren gehabt. Das Pferd war für die Araber ein Symbol für Reichtum und Macht. Von allen Nutztieren war es in der Menschheitsgeschichte das wichtigste: Auf den Rücken von Pferden wurden Kontinente erobert, Weltreiche verwaltet und Handelsrouten erschlossen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren Pferde für die militärische Schlagkraft, für Handel, Transport und Infrastruktur der Staaten unverzichtbar. Im Koran wird dem Pferd daher u. a. eine ganze Sure gewidmet. Dementsprechend hatte das Pferd auch bei den muslimischen Veterinärmedizinern einen besonderen Fokus gehabt; diese standen vor allem in den Diensten des Militärs.
Woher das Wissen kam
Das goldene wissenschaftliche Zeitalter des Islams begann im 9. Jahrhundert; staatlich stark gefördert wurde die Wissenschaft schon durch das Kalifat der Umayyaden und später vor allem durch das der Abbasiden. Griechische, altsyrische, altägyptische, persische und indische wissenschaftliche Werke wurden ins Arabische übersetzt, das Wissen der verschiedenen Völker wurde dann miteinander verknüpft und weiterentwickelt. In dieser Zeit entstanden auch viele Werke der Veterinärmedizin und Zoologie. Die frühen muslimischen Wissenschaftler bezogen ihre Informationen über die Tierwelt aus drei relevanten Hauptquellen: aus den altarabischen mündlichen Überlieferungen der vorislamischen Zeit, aus persisch-indischen Überlieferungen und aus antik-griechischen Überlieferungen. Die ersten frühen islamischen Zoologen, welche die mündlich überlieferten Texte der alten Araber niederschrieben, waren al-Asmai und Abu Ubaidah gewesen.
Eines der ersten Werke, welche im 8. Jahrhundert vom persischen Philosophen und Übersetzer Abdullah Ibn al-Muqaffa ins Arabische übersetzt wurden, war das Buch Kalila und Dimna; seine Vorlage war eine mittelpersische Fassung, die ihrerseits auf ein altindisches Sanskrit-Original zurückging. Das bekannte Werk beinhaltet viele Fabeln und Erzählungen, in denen Tiere die Hauptrollen spielen. Man lernte durch diese Fabeln viel über die Anatomie und die Verhaltensweisen von Tieren; die Geschichten motivierten die Menschen außerdem, Tiere zu erforschen, und durch die Fabeln lernte der Leser die moralischen Pflichten eines Menschen und die Weisheiten Gottes kennen, mit den Tieren als Hauptcharakteren in den Geschichten. Die Geschichten sind bis heute vor allem in den östlichen Teilen der islamischen Welt (z. B. Afghanistan) weit verbreitet.
Antike griechische Werke im Bereich der Zoologie wurden ab dem 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt. Ein Beispiel hierfür ist Aristoteles‘ Werk Historia Animalium, welches im frühen 9. Jahrhundert von Yahya Ibn al-Bitriq ins Arabische übertragen worden ist.
Die ersten Zoologen: al-Asmai und al-Jahiz
Die ersten zoologischen Werke entstanden im achten und neunten Jahrhundert in der islamischen Welt. In diesen Werken wurden Tiere, welche in der Wüste lebten, sehr genau beschrieben. Die alten Araber entwickelten schon in der vorislamischen Zeit hierfür ein sehr reiches Vokabular. Neben dem reichen Vokabular hatten die Araber durch ihre täglichen Beobachtungen sehr viel Wissen über die Tiere, welche in ihren Gebieten lebten.
Einer der wichtigsten Gelehrten und Schriftsteller dieser Zeit war Abu Said Abd al-Malik al-Asmai. Al-Asmai wurde 740 in Basra geboren und starb 828. Er war ein großer Sprachwissenschaftler seiner Zeit, ein hoch talentierter Poet und ein großer Experte der arabischen Sprache und Grammatik. Neben seinen Werken „das Buch der Pferde“ und „das Buch der Kamele“ schrieb er das Werk Kitab al-Wuhush („das Buch der Wildtiere“). In diesem Werk beschreibt er u. a. die charakteristischen Eigenschaften von Antilopen, Gazellen, Eseln, Bergziegen, Löwen, Schakalen, Wölfen, Füchsen und Hasen.
Ein weiterer Gelehrter zoologischer Werke ist Abu Uthman Amr bin Bahr al-Jahiz. Er lebte im achten und neunten Jahrhundert im Gebiet des heutigen Iraks. Er studierte die übersetzten Werke antiker griechischer Wissenschaftler ebenso wie die mündlichen Traditionen von Seefahrern, Nomaden und Reisenden, welche sich in Basra aufhielten. Al-Jahiz schrieb über wissenschaftliche wie über religiös-politische Themen; er gehörte damals der Strömung der Mutazila an. Er soll Autor von Hunderten von Werken gewesen sein, die meisten seiner Werke existieren heute nicht mehr. Einige seiner Werke waren u. a. „Der Löwe und der Wolf“, „das Maultier und sein Nutzen“, „der Unterschied zwischen Menschen und Jinns (Geister/Dämonen)“ und „Kritik an der Alchemie“.
Sein wichtigstes Werk war Kitab al-Hayawan (das Buch der Tiere), welches aus sieben Bänden besteht. Er beschreibt in diesem Buch große Säugetiere, einige Vogelarten und Insekten. Das Buch beinhaltet Informationen aus altarabischen mündlichen Überlieferungen und aus verschiedenen antiken griechischen Werken, vor allem aus Aristoteles‘ Historia Animalium. Darüber hinaus fügte er seinen Werken auch eigene Ideen und Beobachtungen hinzu. Al-Jahiz kategorisiert die Tiere ähnlich wie Aristoteles auf eine einfache Art nach ihrem physischen Erscheinungsbild, ihrer Ernährung und der Art der Fortbewegung. Er kategorisiert die Tiere somit als „gehend“, „schwimmend“, „kriechend“ und „schlängelnd“ oder als fleischfressende und pflanzenfressende Tiere. Darüber hinaus unterteilte er die Tiere in „Katzenartige“, „Hundeartige“ und Wiederkäuer; die Vögel unterteilte er in „jagende Vögel“, „Beutevögel“ und „kleine Vögel“. Interessant ist, dass al-Jahiz die Tiere gerade nicht in „nützlich“ (für den Menschen) und „gefährlich“ (im Bezug auf den Menschen) aufteilt. Aus seiner islamischen Sichtweise haben alle Geschöpfe eine wichtige Funktion in der Schöpfung. Al-Jahiz interessierte sich auch viel für die Anpassung der Tiere an ihre jeweilige Umwelt. Für ihn war der Mensch eine Art Mikrokosmos, welcher die Charaktereigenschaften von vielen verschiedenen Tieren in sich trug.
Ibn Qutayba: eine Ordnung der Tierwelt
Ein weiterer wichtiger Autor zoologischer Werke, welcher ebenfalls im Gebiet des heutigen Iraks gelebt hatte, war Ibn Qutayba (Abu Muhammad Abdullah bin Muslim al-Dinawari). Seine Familie stammte ursprünglich aus der zentralasiatischen Stadt Merv und hatte entweder persische oder türkische Wurzeln. Ibn Qutayba war ein bekannter Sprachwissenschaftler und Enzyklopädist. Sein bekanntestes Werk war das Buch Uyun al-Akhbar, welches zehn Kapitel hatte:
- Staatsverwaltung
- Kriegsführung
- Aristokratie
- Naturell und Charaktereigenschaften
- Wissen und Beredsamkeit
- Asketentum
- Freundschaft
- Bedürfnisse
- Ernährung
- Frauen
Die Quellen seiner Werke stammen vor allem aus mündlich-arabischen Überlieferungen; vor allem al-Asmai und sein Lehrer Abu Hatim al-Sijistani waren hier wichtige Gewährsmänner. Darüber hinaus nutzte Ibn Qutayba auch den Koran, Hadithe, die Bibel und das Alte Testament als Informationsquelle. Das vierte Kapitel seines Werkes Uyun al-Akhbar beschäftigt sich mit dem Themengebiet der Zoologie. Dieses Kapitel ist in 35 Unterkapitel gegliedert. Die ersten zehn Unterkapitel beschäftigen sich mit Menschen und menschlichem Verhalten. Die darauffolgenden zwölf Unterkapitel beschäftigen sich mit diversen verschiedenen Tierarten und deren Beziehung zueinander. Die weiteren Unterkapitel beschäftigten sich mit Pflanzen und Steinen, und das letzte Unterkapitel behandelte das Thema der Jinns (Geister, Dämonen).
Ibn Qutayba unterteilte in seinem Werk die Tiere in drei Hauptgruppen:
- die großen Landtiere, unterteilt in domestizierte Haustiere, Raubtiere (diese Gruppe beinhaltete auch die Hunde), Wildtiere (Hasen, Affen, Bären usw.) und große Laufvögel (z. B. Strauße)
- die fliegenden Tiere, unterteilt in Raubvögel, Vögel welche sich von Saatgut ernähren, Vögel welche sich von Saatgut und Insekten ernähren, sowie Fledermäuse und Flughunde
- die kriechenden und krabbelnden Tiere, unterteilt in kleine Nagetiere, Schlangen, Frösche, Eidechsen und Schildkröten sowie Insekten und Skorpione
Interessanterweise hatte er keine Meerestiere in seinem Buch erwähnt.
Einer der bekanntesten Zoologen der islamischen Geschichte war al-Damiri (Kamal al-Din Muhammad Ibn Musa al-Damiri), welcher Mitte des 14. Jahrhunderts in Kairo geboren wurde. Nach langer Zeit der Forschung schrieb al-Damiri die erste Enzyklopädie im Fach der Zoologie in der Geschichte (Hayat al-Hayawan al-Kubra). Alle damals bekannten Tierarten wurden alphabetisch sortiert, mit den wichtigsten Informationen zu der jeweiligen Tierart. Das Buch wurde ins Persische und ins Türkische übersetzt. Das Werk beschäftigte sich auch mit linguistischen Aspekten, mit den islamischen Speisevorschriften zu dem jeweiligen Tier, mit dem Nutzen der jeweiligen Tierart in der Medizin und mit der Bedeutung der Tiere als Symbole in der Traumdeutung. Das Werk kombinierte die wissenschaftliche Sicht und die islamische Sicht auf das Thema der Zoologie.
Die Pferdeärzte der Kalifen
Welches Werk das älteste Werk im Bereich der Veterinärmedizin in der islamischen Geschichte ist, ist bis heute umstritten. Es wird vermutet, dass Hunayn Ibn Ishaq das älteste Werk geschrieben habe und als Quellen Werke byzantinischer Veterinärmediziner nutzte. Es existiert heute aber kein Werk mehr von ihm. Daher gilt als das älteste arabische Werk im Bereich der Veterinärmedizin und des Pferdetrainings das Buch Kitab al-Khayl wa-l-Baytara (Das Pferd und die Veterinärmedizin), welches von Ibn Akhi Hizam geschrieben wurde.
Ibn Akhi Hizam lebte im 9. Jahrhundert und war Stallmeister am Hof der Abbasiden; sein Vater hatte diese Aufgabe bereits unter dem Kalifen al-Mutawakkil versehen. Er war wahrscheinlich türkischer Herkunft. Viele hochrangige Pferdetrainer und hochrangige Militärangehörige waren während des Abbasidenkalifats türkischer Herkunft, da die zentralasiatischen Turkvölker gefürchtete Reiterkrieger waren. Sein Werk Kitab al-Khayl wa-l-Baytara wurde ins Türkische übersetzt und auch noch später von den Osmanen intensiv studiert. Das Werk besitzt neben einem Einleitungskapitel dreißig weitere Kapitel. Das Einleitungskapitel beschäftigt sich detailliert mit der Wichtigkeit des Pferdes und mit Informationen über die Pflege und Zucht von Pferden. In den weiteren Kapiteln geht es um die Zähne der Pferde, über die Qualitäten, die ein gutes Pferd haben sollte, über Schutzkleidung von Pferden, Maultieren und Eseln, über die Anatomie von Pferden, über Pferdetraining und Rassezüchtung sowie über Krankheiten des Pferdes und deren Behandlung. Das Buch behandelt auch Erkrankungen und Behandlung von anderen domestizierten Haustieren wie Kamele, Schafe und Rinder. Ibn Akhi Hizam schrieb noch ein anderes Buch namens Kitab al-Furusiyya, welches sich nur mit dem Reiten der Pferde beschäftigt. Er war einer der größten Autoren im Bereich der Pferdewissenschaft und Veterinärmedizin; sein Werk prägte spätere Forscher und Wissenschaftler, unter ihnen den andalusischen Agronomen Ibn al-Awwam und den Veterinärmediziner Ibn al-Mundhir al-Baytar.
Abu Bakr ibn Badr: Wetter, Futter und Vergiftungen
Der wahrscheinlich bekannteste Veterinärmediziner in der islamischen Geschichte war Abu Bakr ibn Badr al-Din al-Baytar. Er lebte während der Herrschaft des Mamluken-Sultans al-Nasir Muhammad ibn Qalawun, welcher zwischen 1293 und 1341 dreimal regierte. Auch Abu Bakrs Vater Badr al-Din al-Baytar war schon ein bekannter Veterinärmediziner gewesen (spezialisiert auf Pferde) und arbeitete im Palast der Mamluken. Er konstruierte im Verlauf ein Krankenhaus, welches große Berühmtheit erlangte.
Sein Sohn Abu Bakr schrieb das Buch Kamil al-sinaatayn fi al-baytara wa-l-zardaqa (Die Vollendung der beiden Künste). Dieses Werk wird auch von westlichen Historikern als das beste Werk im Bereich der Veterinärmedizin in der Zeit des Mittelalters und der Neuzeit gesehen. Neben der Veterinärmedizin behandelt das Buch auch das Trainieren von Tieren (hauptsächlich Pferden). Abu Bakr greift als Quelle vor allem auf seine eigenen Erfahrungen und auf die praktisch-beruflichen Erfahrungen seines Vaters im Bereich der Veterinärmedizin, der Pferdezucht und des Pferdetrainings zurück. Neben Pferden behandelt das Buch auch Schafe und Rinder.
Das Buch besteht aus zehn Kapiteln. Das fünfte Kapitel behandelt das Thema der Veterinärmedizin und ist in 34 Unterkapitel aufgeteilt. Die Erkrankungen des Pferdes werden anatomisch-systematisch kategorisiert; er beginnt mit den Erkrankungen im Kopfbereich. Wissenschaftlich herausragend an seinem Buch ist vor allem, dass er Verbindungen zwischen der Häufigkeit von bestimmten Erkrankungen der Pferde und dem Wetter und der Jahreszeit herstellt. Basierend auf dem Einfluss von Umweltfaktoren bei der Verbreitung von Erkrankungen, beschreibt er in seinem Buch auch Rezepte zur Futterzubereitung für die Pferde als Präventivmedizin. Er behandelt darüber hinaus das Thema der Vergiftungen von Tieren, die Behandlung von verschiedenen Fällen der Vergiftungen und protektive Maßnahmen zur Verhinderung von Vergiftungsfällen. Dieses Buch beweist, dass im 14. Jahrhundert kein anderer Kulturkreis im Bereich der Veterinärmedizin so professionell und weit fortgeschritten war wie der islamische Kulturkreis. Sein Werk wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Perron ins Französische übersetzt.
Das Mogulreich: Jahangir als Naturforscher
In der Neuzeit war vor allem das indisch-muslimische Mogulreich führend im Feld der Zoologie gewesen. Das Mogulreich wurde 1526 von Sultan Babur gegründet. Ursprünglich stammten die Begründer des Mogulreichs aus dem heutigen Afghanistan und Zentralasien. Mit der zunehmenden Eroberung des indischen Subkontinents kamen die Mogulen mit einer völlig neuen Tier- und Pflanzenwelt in Berührung, und sie hatten großen Eifer gehabt, diese für sie unbekannte Tier- und Pflanzenwelt zu erforschen. Insbesondere unter Sultan Jahangir erreichte die damalige Zoologie ihren Höhepunkt. Schon Sultan Babur beschrieb in seiner Autobiographie Baburnama sehr genau die Tier- und Pflanzenwelt des Subkontinents.
Viele Tiere wurden während der Mogulendynastie zum ersten Mal wissenschaftlich detailliert beschrieben, oder sie wurden das erste Mal gezeichnet. Der bekannteste Tierzeichner war Ustad Mansur, welcher zur Zeit der Herrschaft von Sultan Jahangir lebte. Viele Tierarten, u. a. der ausgestorbene Dodo, Truthähne (1612) oder der sibirische Kranich (1625), wurden von ihm zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gezeichnet. Er ging somit in die Geschichte der Zoologie ein. Seine Werke sowie die Leistungen der Mogulen im Bereich der Zoologie finden leider bis heute kaum die Beachtung, die sie verdienen, und sind leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten.
Neben den Tierarten des indischen Subkontinents haben die Mogulen auch exotische Tierarten beschrieben, die über europäische Händler, Kaufleute oder Diplomaten ins Land kamen. Die Mogulen waren in der Neuzeit eine militärische, politische und wirtschaftliche Großmacht. Jedoch waren die Mogulen keine Seemacht und unternahmen keine Expeditionen in entfernte Länder. Die europäischen Kolonialmächte der Neuzeit suchten wirtschaftliche Handelsbeziehungen zum indischen Subkontinent. Der Handel zu Land war für die europäischen Staaten ungünstig, da das Osmanische Reich hohe Transitsteuern verlangte. Durch die Handelsbeziehungen zum indischen Subkontinent hofften die europäischen Kolonialmächte auch, das islamische Handelsmonopol im Indischen Ozean zu brechen.
Durch die europäischen Händler und Diplomaten erreichten viele exotische Tiere die Palasthöfe der Mogulen. Sultan Akbar bekam bspw. eine Giraffe und afrikanische Elefanten als Gastgeschenk. Sultan Jahangir beschrieb die Besonderheiten von afrikanischen Elefanten, und sein berühmter Zeichner Ustad Mansur zeichnete naturalistische Porträts u. a. von Zebras (1621) und afrikanischen Perlhühnern. Tiere als Gastgeschenke kamen auch aus dem damaligen Persien und aus Westasien. Exotische Vögel und Säugetiere wurden sehr gerne von den Mogulenherrschern als Haustiere gehalten. Exotische Vögel wie Papageien oder Kakadus waren sehr beliebte Motive in der Kunst der Mogulen; viele dieser Vögel kamen vor allem aus dem heutigen Indonesien und Malaysia. Interessant ist, dass durch europäische Händler auch Tiere aus dem heutigen Madagaskar und den umgebenden Inselgruppen (wie dem heutigen Mauritius) in den indischen Subkontinent kamen.
Der Affe aus dem Hafen von Goa
Ustad Mansur hat als erster ein zoologisches Porträt des ausgestorbenen Dodovogels gezeichnet, und es wird vermutet, dass Sultan Jahangir der erste Zoologe war, der einen Lemuren wissenschaftlich beschrieb. Jahangir beschrieb in seinem Werk Jahangirnama wichtige Erinnerungen und Ereignisse während seiner Herrschaft. So schrieb er, dass im April 1612 sein Höfling Muqarrab Khan aus dem Hafen von Goa ein sehr merkwürdiges, exotisches und wunderschönes Tier mitbrachte. Sultan Jahangir beschrieb das Tier detailgenau. So schrieb er sinngemäß: „Er brachte mir ein Affe mit einer sehr fremden und zugleich wunderschönen Form. Seine Hände, Füße, Ohren und sein Kopf gleichen den eines Affen. Sein Gesicht aber ist wie der eines Fuchses. Die Farbe seiner Augen ist wie die eines Habichts, aber seine Augen sind viel größer als die eines Habichts. Seine Rumpflänge beträgt ungefähr eine Elle. Es ist kleiner als ein Affe, aber höher als ein Fuchs. Seine Haare gleichen der Wolle eines Schafes, und seine Fellfarbe ist wie Asche. Von seinem Ohrlappen bis zu seinem Kinn ist er rot wie Wein. Sein Schwanz hängt meist unten wie der Schwanz einer Katze. Er gibt manchmal Geräusche wie eine junge Antilope von sich. Zusammenfassend ist es ein sehr merkwürdiges Tier.“
Jahangirs Beschreibung passt weder auf eine indische Affenart noch auf den in Sri Lanka beheimateten Schlankloris; der Schlankloris wurde schon 1608 von einem Derwisch zum Hofe Sultan Jahangirs gebracht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Lemuren mit portugiesischen Seefahrern, die sich im Indischen Ozean Handelsrouten suchten, aus Madagaskar in den indischen Subkontinent kamen. Somit wäre Sultan Jahangir der erste gewesen, der einen Lemuren zoologisch detailliert beschrieb. Leider sind heute viele seiner zoologischen Beschreibungen verloren gegangen.
Sultan Jahangir war vor allem an experimenteller Forschung sehr interessiert, und er führte selber als Naturforscher praktische Experimente durch. Eines seiner zoologischen Experimente war es z. B., dass er zwei wilde männliche Schraubenziegen mit sieben weiblichen Mähnenziegen kreuzen ließ. Jahangirs Rolle als Naturforscher vor allem im Bereich der Zoologie und Botanik sowie die Werke seiner Naturzeichner Ustad Mansur und Abul Hasan sind leider heutzutage zu Unrecht völlig unterbewertet. Sie haben große Arbeit im Bereich der Zoologie geleistet.
Das Osmanische Reich: Tierwohl als Stiftungssache
Fast zeitgleich zur Zeit der Mogulen herrschte im westlichen Teil der islamischen Welt das Osmanische Reich. Das Verhalten der Muslime im Osmanischen Reich gegenüber Tieren war in jeder Hinsicht sehr vorbildlich gewesen. Im Osmanischen Reich war der islamische Glaube für die Menschen zusammengefasst das Akzeptieren und Befolgen der Worte des Schöpfers und das Respektieren seiner Geschöpfe. Der Respekt gegenüber den Geschöpfen galt gegenüber den Menschen ebenso wie gegenüber den Tieren. So wurden während der osmanischen Herrschaft viele Stiftungen, Tierheime und Krankenhäuser für Straßentiere erbaut.
Das gute Behandeln der Tiere war für die Muslime der damaligen Zeit eine klare Pflicht, und viele fürchteten die Strafe des Schöpfers, sollten sie ungerecht gegenüber ihren Mitgeschöpfen sein. Die Menschen zu dieser Zeit fütterten erst ihre Tiere, bevor sie selber ein Mahl zu sich nahmen. Sie gingen nicht zu Bett, bevor sie ihre Tiere in den Scheunen gereinigt und nachgeschaut hatten, ob sie genügend zu essen und zu trinken hatten. Man wurde gesetzlich bestraft, wenn man Vögel an den Beinen packte und sie kopfüber transportierte oder Pferde und Maultiere überbeladen hatte. Menschen, die Tiere schlecht behandelten, wurden von ihrer Gemeinschaft ausgestoßen.
Die Osmanen gründeten Stiftungen, um Straßenhunde und Wölfe in den Bergen zu füttern; sie bauten Vogelhäuser in den Höfen der Moscheen, Madrasas (religiöse Schulen) und Paläste und Vogeltränken in den Friedhöfen. Die osmanische Geschichte ist voll von Wohltätigkeiten von Muslimen gegenüber den Tieren. So soll Müreselli Ibrahim Aga 1307 in Izmir 100 Kurus an die Ödemis Yeni Moschee gespendet haben, damit sie die Störche im Bereich ihrer Moschee pflegt. 1544 soll Lütfi Pascha Wassertränken für Reisende und ihre Reittiere haben erbauen lassen, und 1558 soll der Gouverneur von Adana, Ramazanoglu Piri Pascha, für Weideland für Reittiere gespendet haben. In der Charta der Haci-Seyyid-Mustafa-Stiftung stand geschrieben, dass Straßenhunde mit frischem Brot im Wert von 30 Akce (Silbermünzen) gefüttert werden sollten. 1707 spendete die Candarluzade-Mehmed-Bey-Stiftung für ein Farmhaus zur Pflege von Tauben. In Damaskus gründete die Kediler Moschee eine Stiftung zur Pflege von Straßenkatzen; die Moschee fütterte Hunderte von Straßenkatzen mit Leber. Die Stiftung kümmerte sich auch um alte und verletzte Reittiere: Während in anderen Teilen der Welt verletzte und alte Reittiere erschossen worden sind oder man sie sterben ließ, wurden hier alte und verletzte Reittiere professionell gepflegt.
Während der osmanischen Ära hatte fast jedes Haus einen kleinen Garten gehabt und einen Geflügelstall. Katzen waren fast in jedem Haus vorhanden, und sie hielten die Ratten fern. Störche, Tauben, Spatzen und Schwalben bauten im Dach der Häuser häufig ihre Nester. Obwohl ihr Fleisch islamisch erlaubt ist, wurden sie nicht gejagt, da die Menschen sie als ihre Gäste betrachteten. Vor vielen alten Häusern standen plattenförmige Steine. Hier legten die Menschen ihre Speisereste und Knochen für die Straßenhunde und Katzen hin, damit diese auf der Straße nicht um Nahrung kämpfen mussten.
Ein besonderer Schritt war es, dass die Osmanen im 19. Jahrhundert das Tierkrankenhaus Gurabahane-i Laklakan errichtet hatten; dies war die erste Tierklinik, die sich um die medizinische Versorgung von Vögeln kümmerte. Die Klinik wurde im Stadtteil Osmangazi in Bursa gegründet. Osmangazi wurde nicht zufällig ausgewählt: Der Ort befindet sich auf der Route von Zugvögeln. Gurabahane-i Laklakan heißt übersetzt Storchenheim. Die Klinik war 350 Quadratmeter groß. In der Klinik wurden Vögel (vor allem Störche) mit gebrochenen Flügeln, gebrochenen Beinen oder verletzten Augen behandelt. Mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches verlor auch die Klinik zunehmend an Bedeutung und geriet zunehmend in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren wurde das Klinikum wieder restauriert und wieder zur tiermedizinischen Versorgung in Betrieb genommen.
Der Bruch: die Hunde von Istanbul
Ein tragischer Fall im Jahr 1910 brachte einen Wendepunkt in der Geschichte. Die Behörden sammelten in Istanbul die Straßenhunde ein und setzten sie auf einer Insel im Marmarameer aus. Sie wurden dort abgesetzt, ohne Futter und ohne sauberes Trinkwasser. Das Bellen und die Schreie der Hunde konnte man in ganz Istanbul hören. Alle ausgesetzten Hunde verstarben. Die Bewohner Istanbuls sahen die kommenden Katastrophen (der Erste Weltkrieg, der Zerfall des Osmanischen Reiches, die britisch-französische Besatzung, der kemalistische Staatsterror) als Strafe des allmächtigen Schöpfers für ihr Unrecht, welches sie den Hunden angetan hatten. Am Ende traf die Muslime des Osmanischen Reiches das, was sie über alle Jahrhunderte gefürchtet hatten.
Was aus der Verantwortung wurde
Mit dem intellektuellen Niedergang der islamischen Welt und der Abschaffung eines islamisch-politischen Systems verschwand auch das islamische Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Tieren und der Umwelt in der islamischen Welt. Gerade aber jetzt, in Zeiten der säkular-kapitalistischen Krisen wie dem Klimawandel, dem Artensterben, der Massentierhaltung, den Tiertransporten und der Zerstörung wertvoller ökologischer Lebensräume, ist es moralisch verpflichtend, als Muslime die islamischen Lösungsangebote anzuzeigen und sie sowohl als muslimisches Individuum als auch als ein kollektives islamisches System vorzuleben.
Was bleibt
Die oben erörterten Beispiele sind nur ein grober Überblick über ein weites Feld, und doch ergeben sie eine Linie. Am Anfang standen keine Laboratorien, sondern Sätze: dass es eine Belohnung für die Versorgung von allem gibt, das eine feuchte Leber hat, und dass Barmherzigkeit auf den zurückfällt, der sie zeigt. Aus diesem Auftrag wurde in wenigen Jahrhunderten eine doppelte Wissenschaft. Al-Asmai und al-Jahiz schrieben das mündliche Wissen der Wüste auf und ordneten es, Ibn Qutayba und al-Damiri brachten die Tierwelt in ein System, Ibn Akhi Hizam und Abu Bakr ibn Badr machten aus der Pferdeheilkunde ein Fach mit Anatomie, Prävention und Toxikologie, Jahangir und Ustad Mansur beschrieben und zeichneten, was vor ihnen niemand beschrieben hatte.
Bemerkenswert ist dabei, wie eng Wissenschaft und Ethik beieinander lagen. Al-Jahiz weigerte sich, die Tiere in nützliche und gefährliche einzuteilen, weil jedes Geschöpf seine Funktion in der Schöpfung hat. Die osmanischen Stifter gaben Geld für Straßenkatzen, für Weideland und für gebrochene Storchenflügel, weil sie die Tiere als Gäste und als Mitgeschöpfe verstanden. Wer heute über Tierschutz, Nutztierhaltung oder den Verlust von Lebensräumen spricht, findet in dieser Geschichte keine museale Kuriosität, sondern eine bereits ausformulierte Haltung.
Quellen
- Kirimhoglu, Nurdan: Veterinary Physicians in the Islamic World of the Medieval Age. Eskisehir Osmangazi Üniversitesi, Tip Fakültesi, Tip Tarihi ve Etik Anabilim Dali.
- Jarman, Peter J. (2019): Zoological pioneer: Was the Mughal Emperor Jahangir the first scientist to describe a Madagascan Lemur?
- Ghai, Rajat (2016): Jahangir’s scientific contributions have been ignored by mainstream academia.
- Ekinci, Ekrem Bugra (2015): The Ottomans‘ exemplary treatment of street animals. Daily Sabah.
- First Animal Hospital: Gurabahane-i Laklakan. Motleyturkey.
- Verhaltenskodex gegenüber Tieren (2018). Islamweb.net.
