Während des goldenen wissenschaftlichen Zeitalters des Islams erlebte auch die Zahnmedizin viele Fortschritte und Innovationen; ab dem achten Jahrhundert entwickelte sie sich zunehmend zu einer eigenen medizinischen Disziplin. Das war keineswegs selbstverständlich, denn bei den vorislamischen Arabern spielte die Zahnmedizin im Alltag so gut wie keine Rolle. Der Grund lag in der einfachen Lebensweise der damaligen Beduinen: Ihre Grundnahrungsmittel waren Datteln und Kamelmilch, sie hatten sehr gesunde Zähne, und Zahnleiden waren bei ihnen kaum verbreitet.
Dies änderte sich mit dem Aufstieg des Islams. Durch die schnelle Ausbreitung des islamischen Kalifats kamen die Muslime früh in Kontakt mit anderen Kulturen, neue Handelsrouten entstanden, und die islamische Welt wurde in kurzer Zeit multiethnisch und multikulturell. Das spiegelte sich auch in den Essgewohnheiten wider, und mit den neuen Essgewohnheiten nahmen die Zahnerkrankungen zu. Zunächst begann man, Zahnstocher zu benutzen; doch deren Gebrauch schädigte langfristig das Zahnfleisch. Daher setzte sich zunehmend der Miswak zur Zahnpflege durch. Der Prophet Mohammed (Friede sei auf ihm) selbst hat das Benutzen des Miswaks vor jedem Gebet (fünfmal am Tag!) sehr empfohlen; die Zahnpflege ist somit eine wichtige Sunnah im Islam. Mit der Verbreitung des Islams breitete sich auch der Miswak aus und führte zu einer erheblichen Besserung der Zahnhygiene der verschiedenen Völker in der islamischen Welt.
Beim Miswak handelt es sich um einen Zweig, eine Knospe oder ein Wurzelstück des Zahnbürstenbaums (Salvadora persica). Wichtige zahnpflegende Inhaltsstoffe sind Fluoride (Kariesprophylaxe), Calciumsalze (Kariesprophylaxe), Silicium (Festigung der Zähne), Tannine, Saponine, Vitamin C, Flavonoide und Chloride. Miswaks werden in der islamischen Welt heute noch häufig benutzt.
Die wissenschaftliche Hauptbasis der Zahnmedizin in der islamischen Welt waren die Werke antiker griechischer Mediziner; vor allem das ägyptische Alexandria und das persische Jundishapur hatten sich in der Spätantike zu medizinisch-wissenschaftlichen Hochburgen entwickelt. Auf diesem Fundament entstand in wenigen Jahrhunderten eine eigenständige Zahnheilkunde, und diesen Weg zeichnet der Artikel nach: von der Prophylaxe mit dem Miswak über die erste Zahnanatomie und die Rezeptkunst der großen Kliniker bis zur Oralchirurgie al-Zahrawis, und weiter durch die Jahrhunderte nach dem Mongolensturm bis an die Schwelle der Neuzeit.
Die Anfänge: al-Tabari
Eines der frühesten medizinischen Werke der islamischen Welt war das Buch Firdaws al-Hikma von Ali ibn Sahl Rabban al-Tabari. Seine Quellen waren vor allem Werke griechisch-antiker Autoren, daneben aber auch altindisch-medizinische Quellen. Ein Kapitel des Buches beschäftigte sich mit Zahnerkrankungen und Erkrankungen der Mundhöhle. Al-Tabari sagte darin u. a. sinngemäß, dass viele Nährstoffe für das Wachstum der Haare und Nägel sowie für die Entwicklung von Zähnen und Fingern notwendig seien. Er schrieb weiter, dass Zahnschmelz hart ist und sich von anderen anatomischen Strukturen unterscheidet, da seine Substanzen trocken sind. Nach heutigem Verständnis ist diese Beschreibung insofern interessant, als Zähne wie auch Nägel und Haare nach heutigem Wissensstand embryologisch vom Ektoderm abstammen.
Medizinisch empfahl al-Tabari bei Zahnschmerzen Butterschmalz und Kauterisation, bei Schmerzen mit entzündetem Zahnfleisch zudem eine intensive Spülung. Beim Mundgeruch unterschied er drei Formen: Die erste stammt aus dem Gastrointestinaltrakt, die zweite vom entzündeten Zahnfleisch und die dritte von Speiseresten zwischen den Zähnen. Bei abdomineller Ursache empfahl er Abführmittel und Latwerge zur Reinigung des Gastrointestinaltrakts, außerdem eine Mundspülung mit Bertram und Chebulischer Myrobalane. Bei entzündetem Zahnfleisch empfahl er eine Spülung mit Arzneien, die das Zahnfleisch stärken und reinigen, wie Bertram, Majoran, Essig und Senfsamen. Lag die Ursache des Mundgeruchs dagegen in den Zähnen selbst, riet al-Tabari, den entzündeten Zahn entfernen und die Zahnwurzeln mittels Hitze kauterisieren zu lassen.
al-Razi: die erste Anatomie der Zähne
Einer der bekanntesten Schüler al-Tabaris war der persische Universalgelehrte und Mediziner Abubaker Muhammad Ibn Zakariyya al-Razi (Rhazes). Er war einer der größten klinischen Wissenschaftler des Mittelalters und Autor von mehr als 213 Werken, von denen einige heute leider verloren sind. Sein Werk Kitab al-Mansuri enthält als erstes islamisch-medizinisches Werk die anatomische Beschreibung der Zähne. Al-Razi beschreibt korrekt, dass der Mensch 32 Zähne hat (16 in jedem Kiefer). Er unterschied je Kieferseite zwischen zwei zentralen Schneidezähnen (thuna iyyatan), zwei lateralen Schneidezähnen (ruba yyatan), zwei Eckzähnen (naban) und fünf Mahlzähnen. Er beschrieb außerdem, wie man das Zahnfleisch eines Kindes nach dem Entfernen der Milchzähne massieren sollte, um die Schmerzen des Kindes zu reduzieren.
Pflege und Prävention
Für die tägliche Zahnpflege empfahl al-Razi den Miswak zusammen mit einem Zahnreinigungspulver, das u. a. Bestandteile der Myrrhe, Alaunkristalle, Salz, Hirschhornsalz und Mastix enthielt. Bei stark verfärbten Zähnen empfahl er eine Zahnpasta aus teils stark schleifenden Substanzen wie der Osterluzeipflanze, mit Honig gebranntem Salz, Asche von Muschel- und Krabbenschalen, Natron, Borax, Wacholder, Weihrauch, Bimsstein, Glas, Beifuß und gebranntem wildem Thymian. Darüber hinaus empfahl er, die Zähne vor dem Schlafengehen mit einem Pflegeöl zu pflegen, um sie vor Karies zu schützen.
Die damaligen muslimischen Mediziner legten ihren Fokus eben nicht allein auf die Behandlung von Erkrankungen, sondern ebenso auf deren Prävention. Zum Schutz der Zähne übernahm al-Razi die Ratschläge von Hunayn bin Ishaq: Er warnte vor Süßspeisen und sehr sauren Speisen, vor dem Kauen sehr harter Nüsse und vor schnell verderblichen Speisen wie Milchprodukten und gesalzenem Fisch. Ebenso beschrieb er, dass das Essen sehr kalter und gleich darauf sehr heißer Speisen die Zähne durch den extremen Temperaturunterschied schädigen kann, und empfahl das Reinigen der Zähne nach jeder Mahlzeit.
Behandlung und Extraktion
Al-Razi teilte die Meinung des Hippokrates, dass Zahnschmerzen durch die Ablagerung von Schleim und Belag im Bereich der Zahnwurzeln zustande kommen. Zur Behandlung empfahl er die Spülung des Mundes mit einer Brühe aus dem Fruchtfleisch der Koloquinte und Essig; darüber hinaus konnte man auch Harz, Myrrhe und Borax benutzen. Kam es hierunter zu keiner Besserung, empfahl al-Razi die Kauterisation. Hierfür benutzte er Eisennadeln, die in einem Öl aus Majoran und Gartenraute erhitzt wurden; während der Kauterisation wurden die übrigen Bereiche des Mundes mit Stofftüchern geschützt. Eine weitere Methode (sie stammte von Galen) war es, den schmerzenden Zahn mit einem Bohrer zu eröffnen. Brachte auch dies keine Besserung, wurde heißes Öl in die Öffnung des Zahnes gegeben; die Öffnungen behandelte al-Razi anschließend mit Baumwollkompressen, welche zuvor in heißes Öl getaucht wurden.
Beim Entfernen von Zähnen war al-Razi sehr zögerlich, selbst bei stark beschädigten. Er versuchte zunächst, die beschädigten Zähne mit verbindenden Substanzen zu festigen; half dies nicht, führte er eine Kauterisation durch und versuchte, den Zahn mit einem goldenen Draht zu stabilisieren. War das Entfernen unvermeidlich, benutzte er Substanzen, die das Lösen des Zahnes förderten, und bevorzugte die manuelle Methode (Entfernen mittels chirurgischer Instrumente), da sie weniger schmerzhaft war. Er verwendete hierfür Maulbeerrinde, Bertram und Kapern, welche vorher mit Essig oder Blutmilchpilz zusammen mit Galbanharz behandelt wurden. Noch stärker wirkte die Verbindung aus Vitriolen, Spritzgurke, Schwefel und Rittersporn oder Auripigment (Arsensulfid), vermischt mit Aloe und Maulbeerrinde. Die übrigen gesunden Zähne wurden mit Wachs geschützt.
Für Schwellungen und Schmerzen des Zahnfleisches machte al-Razi Nerven verantwortlich, die ihren Ursprung in den Zahnwurzeln haben und bis in die Tiefe des Zahnfleisches reichen. Zur Behandlung empfahl er Essig oder Bertram, welcher zuvor in Essig oder Kokosnussöl eingelegt wurde. Bei Zahnfleischabszessen empfahl er, die Stelle des Abszesses ausbluten zu lassen sowie, wenn nötig, den Zahn zu ziehen.
al-Majusi und das Königsbuch
Ein weiterer bekannter islamischer Mediziner war der Perser Ali bin al-Abbas al-Majusi. In seinem bekannten medizinischen Werk Kamil al-sinaa al-tibbiyya (Kitab al-Malaki) beschäftigte er sich in neun Kapiteln mit der Zahnheilkunde. Eines davon widmete er sehr detailliert der Anatomie der Zähne: Er beschrieb genau die Form, die Funktion und die Anzahl der Zahnwurzeln der jeweiligen Zähne, etwa dass der obere dritte Molar manchmal vier Wurzeln, aber in der Regel drei hat, oder dass der untere dritte Molar manchmal drei Wurzeln, gewöhnlich aber zwei hat. Ein anatomischer Fehler ist allerdings enthalten: Ali Abbas war der Meinung, dass der Unterkiefer aus zwei Knochen besteht. Vier weitere Kapitel behandelten die Zunge und ihre Erkrankungen, drei die Erkrankungen der Zähne, und in einem Kapitel ging es um Ursache und Behandlung von Mundgeruch.
Für die Behandlung von Zahnschmerzen beschreibt Ali Abbas eine Reihe von Arzneien. Bei Versagen der konservativen Therapie empfahl er als weiteren Schritt die Kauterisation und als Ultima Ratio das Entfernen des Zahnes. Um beim Bohren des Zahnes die Schmerzen zu verringern, benutzte er eine Mischung aus Opium, Bertram und Ammoniak und versiegelte das Loch anschließend mit Wachs. Sein Kauterisationsprotokoll war bemerkenswert durchdacht: Man sollte jeweils zwei Dirham Olivenöl, Majoran und Alpen-Wiesenraute mischen und kochen. Dann suchte der Arzt das Loch im Zahn und setzte, nachdem der Zahn gut gereinigt war, ein eisernes Hohlrohr auf das Loch, zum Schutz der übrigen gesunden Zähne; die Idee dieses Hohlrohrs ist eine Innovation von Ali bin al-Abbas selbst. Zwei Metallnadeln wurden dem Feuer zugefügt; die erhitzte Nadel wurde in die zuvor hergestellte Mischung getunkt, durch das Hohlrohr bis zum Zahn geschoben und berührte das Loch so lange, bis die Nadel abkühlte. Dann wechselte er die Nadel und legte die abgekühlte zurück ins Feuer. Dieser Prozess wurde vier- bis fünfmal wiederholt. Kam es hierunter zu keiner Besserung der Zahnschmerzen, empfahl er, den Zahn komplett zu entfernen.
Ibn al-Jazzar: Säftelehre und Rezeptkunst
Ein weiterer bekannter muslimischer Mediziner, der sich mit der Zahnheilkunde beschäftigte, war Abu Jaffar Ahmad bin Ibrahim al-Jazzar, Autor des Werkes Zad al-musafir wa-qut al-hadir (Wegzehrung für den Reisenden und Nahrung für den Sesshaften). Sein Werk bestand aus sieben Bänden; im zweiten Band behandelte er in sechs Kapiteln die Themen der Zahnheilkunde. Er stützte sich auf die These des griechischen Mediziners Hippokrates, dass Zahnschmerzen sowohl einen systemischen als auch einen lokalen Ursprung haben: Überschüssige Körpersäfte aus dem Kopf- und Abdomenbereich sollen demnach zu Zahnschmerzen wie auch zu Zahnfleischentzündungen führen; daneben spielen die Zähne selbst eine große Bedeutung bei der Pathogenese. Entsprechend legte Abu Jaffar großen Wert auf Zahnhygiene.
Da er, ähnlich wie Hippokrates, ein Ungleichgewicht der Körpersäfte für die Entstehung von Zahnschmerzen und Zahnfleischentzündungen verantwortlich sah, empfahl er zunächst den Aderlass, aus der Vena cephalica oder aus den Venen des Zungengrundes. Nach dieser systemischen Therapie folgte die lokale, und sie variierte je nach Ätiologie und Qualität der Erkrankung; wie die antiken griechischen Mediziner teilten auch die muslimischen die Erkrankungen in Qualitäten ein (heiß, kalt, trocken und nass). Zur lokalen Therapie nutzte man u. a. Wegerichsaft, Myrte und saure Milch bei Zahnfleischentzündungen heißer Qualität, Bertram, Honig und Meerzwiebel-Essig bei kalter, Essig aller Art bei feuchter sowie Rosen, Berufkräuter und Quittensamen bei trockener Qualität.
Im letzten seiner Zahnheilkunde-Kapitel beschäftigte sich Abu Jaffar mit dem Mundgeruch, seinen Ursachen und Behandlungen. Ähnlich wie al-Tabari empfahl er die intensive Mundspülung, außerdem eine Arznei aus Nelken, Zimtrinde, Muskatnuss, Mastix, indischer Aloe und anderen Bestandteilen. Bei gelockerten Zähnen verordnete er Weizenmehl mit Wolfsmilch oder eine Mischung aus Maulbeerbaum-Wurzeln, Bertram und starkem Essig; vor der Behandlung sollte das Zahnfleisch gut gereinigt werden, und man sollte darauf achten, dass die gesunden Zähne gut geschützt sind.
Auch die Behandlung der Zahnschmerzen richtete sich bei Abu Jaffar nach der Ursache und deren Qualität; je nach deren Eigenschaft sollten die Arzneien heiße, kalte oder austrocknende Eigenschaften besitzen. Eine Mischung aus Portulak, Chicoree und Wegerichwurzeln wurde bei Zahnschmerzen heißer Eigenschaft eingesetzt; ebenso empfahl er hier Massagen des Zahnfleisches mit Honig, Ingwer, Bertram, Ysop und Schneerose. Bei Zahnschmerzen feuchter Qualität empfahl er Spülungen mit Essig oder Salz sowie in Öl gelöste Kapernwurzeln, bei pochenden Schmerzen Rittersporn vermischt mit Fenchel sowie Myrrhe. Bei Karies führte er zunächst eine Spülung und Reinigung des Zahnes durch; dann wurde der Zahn mit Gallnüssen, Sanddorn, Terebinth-Harz, Zedernharz, Myrrhe, Bertram und Honig gefüllt. Gegen die Schmerzen benutzte man Opiate als Anästhetikum; darüber hinaus setzte Abu Jaffar auch Arsenverbindungen gegen Löcher und Karies ein.
al-Zahrawi: die Geburt der Oralchirurgie
Weitere wichtige Innovationen, vor allem im Bereich der Oralchirurgie, erbrachte der berühmte andalusisch-muslimische Mediziner Abu-l Qasim Khalaf Ibn al Abbas al-Zahrawi (in Europa bekannt als Abulcasis). Er gilt als einer der Gründungsväter der modernen Chirurgie, war Erfinder vieler chirurgischer Instrumente, die in ähnlicher Form teils heute noch verwendet werden, und damit auch einer der größten Medizintechniker der Geschichte. Mit dem Kitab al-Tasrif schrieb er eines der größten Werke der Medizingeschichte. Verteilt über sein Werk behandelte er verschiedene Themen der Oralchirurgie:
- Kauterisation von Fisteln in der Mundhöhle
- Kauterisationsbehandlung bei Zahnschmerzen
- chirurgische Entfernung von Neoplasien an den Lippen
- chirurgische Behandlung von Zahnfleischwucherungen
- Entfernen von Zähnen
- Entfernen der Zahnwurzeln und Knochenfragmente einer traumatisch gebrochenen Mandibula (Unterkieferknochen)
- Entfernen der Milchzähne bei sogenannten Haifischzähnen (bleibende Zähne, die hinter Milchzähnen wachsen)
- Stabilisieren beschädigter Zähne mit Gold- oder Silberdrähten
- Durchtrennen des Zungenbändchens (wenn anatomisch zu kurz)
- Entfernen von Mundbodenzysten (Ranula)
- Behandlung eines gebrochenen Kiefers und eines dislozierten Unterkiefers
Werkzeuge und Grundsätze
Bei Zahnschmerzen empfahl al-Zahrawi, wenn konservative Behandlungen mittels Arzneien versagten, die Kauterisation mit heißem Öl: Butter wurde in einem Topf erhitzt, ein Stück Baumwolle an einem Stab gewickelt, in die erhitzte Butter getaucht und an der Stelle des schmerzenden Zahnes gerieben. Bei Neoplasien im Bereich der Lippen entfernte er zunächst das Gewebe um den Tumor herum, dann den Tumor selbst mittels einer Zange; Vitriole dienten anschließend der Blutstillung, und der Patient sollte den Mund mit Essig spülen. Bei entzündetem Zahnfleisch empfahl er, das entzündete Gewebe chirurgisch vom gesunden zu trennen und die Stellen bluten zu lassen; anschließend wurden sie mit Vitriolen behandelt und je nach Zustand des Zahnfleisches kauterisiert.
Manchmal kommt es bei einer Zahnextraktion mittels einer Zange vor, dass die Zahnwurzel abbricht und nicht mit entfernt werden kann. Al-Zahrawi legte dann ein Stück in Fett eingelegte Baumwolle in das Zahnfach der jeweiligen Zahnwurzel und ließ es über Nacht darin, damit sich die Wurzel lockerte. Danach wurde sie mit einer schnabelartigen Zange entfernt, deren Kopf dem Schnabel eines Fasans ähnelte und dessen Oberfläche so rau wie eine Schleife sein sollte. Schlug diese Methode fehl, benutzte man einen Elevator (Wurzelheber), dessen Spitze flach sein und aus gutem Stahl bestehen sollte. Al-Zahrawi betonte dabei stets, dass jeder Mediziner individuell vom Patientenfall her entscheiden sollte, welches chirurgische Instrument das passendste wäre. Auch Zahnstein, welcher zu Verfärbung und Entzündung der Zähne führte, sollte nach al-Zahrawi behandelt werden; zur Zahnsteinentfernung und Zahnreinigung benutzte er insgesamt vierzehn verschiedene chirurgische Instrumente unterschiedlicher Größen und Formen, je nach Patientenfall.
Zahnschmerzen behandelte er in der Regel konservativ mit Arzneien; die Zahnextraktion sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Für ihn waren die Zähne wichtige Organe, die von Natur aus nicht ersetzt werden konnten, und es war ihm wichtig, verletzte Zähne wieder genau in ihre anatomische Position zu bringen. War ein Zahn dennoch zu entfernen, trennte er zunächst mit einem Skalpell das Zahnfleisch vom Zahn und zog ihn dann mit einer geeigneten Zange; diese sollte aus Stahl von guter Qualität sein, ihre Spitzen rau wie Schleifpapier. Wurde ein Zahn durch ein Trauma verletzt, versuchte er es zunächst konservativ mit Arzneien; brachte dies keinen Erfolg, empfahl er die Zahnligatur mittels Gold- oder Silberdrähten. In der Regel bevorzugte er Gold, da Silber korrodieren konnte. Der Ligaturdraht sollte weder zu dick noch zu dünn sein und problemlos durch die Zahnzwischenräume passen; die Ligatur sollte bei einem gesunden Zahn anfangen und bei einem gesunden Zahn enden, ihr Ende wurde zu einem Kringel gebunden. Wurde die Ligatur beschädigt, musste sie von vorne angelegt werden.
Vom Zungenbändchen zum Kieferbruch
Ein zu kurzes Zungenbändchen kann die Beweglichkeit der Zunge stark einschränken und dadurch zu einer Sprachentwicklungsstörung führen; oft ist es daher notwendig, das Zungenbändchen zu durchtrennen (Frenotomie). Bei diesem Eingriff wurde der Kopf des Patienten auf dem Schoß des Operateurs positioniert, der Mund weit geöffnet, die Zunge angehoben und das Bändchen durchtrennt. Eine weitere wichtige Erkrankung im Bereich der Zunge, mit der sich al-Zahrawi befasste, war die Ranula (eine Sonderform der Speicheldrüsenmukozele, dufda taht al lisan). Sie entwickelt sich unterhalb der Zunge und kann diese ab einer bestimmten Größe in ihrer Funktion einschränken. Bei der Inspektion musste der Patient sein Gesicht direkt zur Sonne wenden und den Mund so weit wie möglich öffnen. Erschien die Läsion bei diesen guten Lichtverhältnissen schwarz und fest, bestand Tumorverdacht, und sie sollte möglichst wenig berührt werden, um eine Streuung zu vermeiden; erschien sie jedoch weiß, sollte sie möglichst komplett entfernt werden. Bestand der Verdacht, dass die Ranula aufgrund exzessiver Blutung entstanden war, empfahl al-Zahrawi, die Wunde postoperativ mit Kupfersulfatpulver zu behandeln; der Patient sollte den Mund mit Essig und Salz spülen.
Bei Frakturen der Mandibula spielte die Seite der Fraktur die entscheidende Rolle für die Therapie. Befand sich der kollabierte Teil auf der rechten Seite, wurde er mit dem rechten Mittelfinger, mit assistierender Hilfe der linken Hand, nach außen reponiert; bei beidseitigem Unterkieferbruch übte man zur Repositionierung von lateral Druck von beiden Seiten aus. Führte die Fraktur zu gelockerten und beweglichen Zähnen, stellte man zunächst manuell die normale Okklusion wieder her und ligierte die gelockerten Zähne mit einem Golddraht. Der Kiefer selbst wurde mit einer Bandage ruhiggestellt und gestützt; sie bestand in der Regel aus einem Stück Stoff und enthielt ein Stück Holz, welches den Kiefer stützte. Die Bandage wurde in der Regel nach drei bis vier Tagen entfernt; dauerte die Wundheilung länger, konnte sie auch erst nach 20 Tagen abgenommen werden. Bei unilateralen oder bilateralen Frakturen fixierte ein Assistent fest den Kopf des Patienten, während der Chirurg mit seinen Daumen und mit Hilfe der anderen Finger die Mandibula zurück und hoch in die ursprüngliche Position drückte. Anschließend wurde die Mandibula mit Wachs eingerieben, und der Patient musste Kauen und Gähnen die nächste Zeit vermeiden.
Ibn Sina und der Kanon
Auch der sehr bekannte muslimisch-zentralasiatische Mediziner Ibn Sina (in Europa bekannt als Avicenna) widmete sich in seinem universal bekannten Kanon der Medizin (Kitab al Qanun fil tip) der Zahnheilkunde. Im ersten Band beschreibt er sehr detailliert und systematisch die Anatomie der Zähne; seine Beschreibung ähnelt stark der des persischen Mediziners al-Majusi. Vor allem aber geht er im zweiten Band auf zahnmedizinische und oralmedizinische Themen ein. Er beschreibt u. a.:
- die Anatomie der Zunge und des Mundes
- Erkrankungen der Zunge
- Verlust von Geschmack
- Parese (unvollständige Lähmung) der Zunge und die damit verbundene Schwierigkeit der Artikulation
- Paralyse (vollständige Lähmung) der Zunge
- Makroglossie (vergrößerte Zunge)
- das Zungenbändchen
- Schwellungen der Zunge
- Sprachstörungen
- Ranula (Mundbodenzyste)
- Entzündungen der Zunge
- Behandlung von Fissuren der Zunge
- Mundgeruch
- Mundatmung
- Blutungen im Mundbereich
- Ulzera im Mundbereich
- Speichelfluss
- Zahnhygiene
- Arzneien zur Behandlung von Zahnerkrankungen
- Lokalanästhetika
- Verlust von Zähnen
- Verwesung von Zähnen
- Verfärbung von Zähnen
- bröcklige Zähne
- Zahnextraktion
- schmerzlose Zahnextraktion
- Zähne im Alter
- Elongation (Verlängerung) eines Zahnes
- empfindliche Zähne
- den Zahnwurm (früher wurde angenommen, dass der Zahnwurm u. a. für Karies verantwortlich ist)
- Schwäche der Zähne
- Erkrankungen des Zahnfleisches
- Zahnfleischblutungen
- Ulzera und eitrige Entzündungen des Zahnfleisches
- Gingivarezession
- Epulis (fokale fibröse Hyperplasie am Zahnfleisch)
- Lippenfissuren
- Erkrankungen der Lippen
- Schwellungen und Ulzera der Lippen
- Varizen im Bereich der Lippen
- Tremor der Lippen
Wie seine Vorgänger empfahl Ibn Sina die Zahnextraktion nur, wenn es keine Alternative gab. Bei Zahnschmerzen legte er viel Wert darauf zu prüfen, ob der Schmerz vom Zahn selbst kommt oder ob eher das Zahnfleisch die Ursache ist. Des Weiteren behandelte er mit Bilsenkraut den „Zahnwurm“. Er war der Meinung, dass Schadstoffe aus dem Kopf- und Abdomenbereich u. a. der Grund für Zahnfleischabszesse waren, und empfahl zur Behandlung Aderlass, Kühlung sowie als Arznei Myrte- und Rosenwasser und Oliven- und Mastixöl. Außerdem beschrieb er sehr detailliert die Reposition eines gebrochenen Unterkiefers.
Von Cordoba nach Damaskus
Eine weitere wichtige Person war der jüdische Arzt und Philosoph Abu Imran Musa bin Maymun (latinisiert: Maimonides). Er wurde im andalusischen Cordoba geboren und wanderte später nach Ägypten. In seinen Werken beschreibt er u. a. Kräuter zur Behandlung von Zahnschmerzen, zur vereinfachten Zahnentfernung sowie für die Zahn- und Mundhygiene.
Der aus Bagdad stammende, später in Ägypten wirkende Philosoph und Theologe Abdel Latif bin Yusuf al-Baghdadi schrieb ungefähr im Jahre 1200, dass die Mandibula (der Unterkieferknochen) nur aus einem Knochen besteht; vorher dachte man, sie bestehe aus zwei Knochen. Er machte diese innovative Entdeckung, nachdem er tausende menschliche Schädel in Ägypten studiert hatte. Damit korrigierte er nebenbei auch den oben erwähnten anatomischen Irrtum al-Majusis.
Interessant sind auch die zahnärztlichen Kapitel des Chirurgiebuchs des arabischen Arztes und Chirurgen Ibn al-Quff, welcher im 13. Jahrhundert im heutigen Syrien ärztlich tätig war. Sein Text über die Anatomie und Physiologie der Zähne ähnelt sehr den Texten al-Zahrawis; mit dem Thema der Zahnextraktion beschäftigte er sich aber noch detaillierter. Auch er empfahl die Extraktion nur bei Versagen aller konservativen Maßnahmen. Verlorene Zähne empfahl er durch künstliche Zähne aus Knochen oder Elfenbein zu ersetzen, die mit einem goldenen Draht fixiert wurden.
Nach dem Mongolensturm
Einen herben Rückschlag erlitten die medizinischen Wissenschaften der islamischen Welt durch den Mongolensturm. Sie erreichten nicht mehr die Innovationskraft der Umayyaden- und Abbasidenzeit; dennoch blieb die islamische Welt die nächsten Jahrhunderte in vielen wissenschaftlichen Disziplinen führend. Wichtige Mediziner, die sich danach u. a. mit der Zahnmedizin beschäftigten, waren bspw. der persische Arzt Najm al-Din Mahmud Shirazi (Autor des medizinischen Lehrbuchs al-Hawi fi ilm al-tadawi, das nicht mit dem berühmten al-Hawi des al-Razi zu verwechseln ist) und Borhan Nafis, der bekannte Arzt des Timuridenreiches.
Einer der bekanntesten osmanischen Mediziner war der Chirurg Serefeddin Sabuncuoglu. Er schrieb das bekannte medizinische Werk Cerrahiyyetu-l Haniyye, quasi den ersten chirurgischen Atlas mit detaillierten bildlichen Darstellungen. Sein Werk ist hauptsächlich durch al-Zahrawis al-Tasrif geprägt; er fügte aber auch viele neue Informationen aus eigener Forschung und medizinischer Erfahrung hinzu. Im Bereich der Zahnmedizin empfahl er u. a., bei Zahnschmerzen im linken Quadranten eine Kauterisationsbehandlung im Bereich des rechten Handgelenks durchzuführen. Diese Methode ähnelt stark der heutigen Akupunkturtherapie bei Zahnschmerzen; der anatomische Punkt, der dabei benutzt wird, heißt in der traditionellen chinesischen Medizin Ho-Ku. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass Sabuncuoglu stark von der chinesischen Medizin beeinflusst war. Die Osmanen wie zuvor die Seldschuken hatten ihren Ursprung in Zentralasien und standen somit im kulturellen Austausch mit den chinesischen Kaiserreichen; zudem waren die Osmanen in ihrer Anfangsphase in Konflikt und in Kontakt mit den Mongolen gewesen, welche als kulturelle Vermittler zwischen Chinesen und Osmanen gewirkt haben könnten.
Aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind nur wenige Werke zu zahnmedizinischen und oralchirurgischen Themen bekannt. Ein Beispiel ist ein türkisches Manuskript des jüdischen Arztes Moses Hamon, im 16. Jahrhundert Hofarzt des osmanischen Sultans Süleyman I. (des Prächtigen). Hamon stammte von andalusischen Juden aus Granada ab, die vor der religiösen Verfolgung aus Spanien ins Osmanische Reich geflüchtet waren. Sein Manuskript umfasst 101 Seiten; Hamon bevorzugte vor allem Arzneien für die Behandlung von Erkrankungen im Mundraum.
Im persisch-schiitischen Safawidenreich erlangte im Bereich der Zahnheilkunde vor allem der damals bekannte Arzt Baha al-Dawla Muhammad al-Husayni Nurbakhsh Bekanntheit, Autor des medizinischen Werkes Khulasat al-tajarib. Sein Werk war lange Zeit ein wichtiges Lehrbuch im Safawidenreich, im Osmanischen Reich und im indisch-islamischen Mogulreich und enthielt auch Informationen aus eigener Forschung und klinischer Erfahrung. Er schrieb über verschiedene zahnmedizinische Themen wie den Rückgang des Zahnfleisches, Zahnfleischbluten, Karies (kerm-kordagi) sowie Ursachen und Behandlung des Zahnverlusts. Bei Zahnschmerzen empfahl er schmerzlindernde Arzneien, Desinfektion, Kauterisation sowie in einigen Fällen die Injektion von Salpetersäure (tizap), gemischt mit Opium, in die Zahnhöhle; er warnte bei diesem Verfahren eindringlich davor, die Salpetersäure in Kontakt mit dem Zahnfleisch kommen zu lassen.
Der lange Schatten der Spätzeit
In der späten Neuzeit stagnierten die wissenschaftliche Forschung und die technische Innovation in der islamischen Welt immer mehr. Der relative wirtschaftliche Wohlstand während der Blütezeit des Osmanischen Reiches sowie des Mogulreiches führte insbesondere in den herrschenden Schichten zunehmend zur Dekadenz, im Mogulreich auch zum moralischen Verfall. Während die europäischen Kolonialmächte immer mehr Länder eroberten, Stützpunkte anlegten und neue Märkte für sich öffneten, importierte die islamische Welt zunehmend europäische Güter, anstatt eine eigene Industrie aufzubauen. Wichtige Innovationen aus Europa wie der Buchdruck und die Fortschritte bei der Technik von Gewehren und Artillerie (eine Hauptvoraussetzung der jahrhundertelangen europäischen Dominanz) stießen in der islamischen Welt auf wenig Interesse, mit später dramatischen Folgen. In der Spätzeit ahmte die islamische Welt die westliche nur noch nach (ein Phänomen, welches teilweise bis heute existiert); aus dem einstigen Innovationsmotor degenerierte sie zu einer reinen Konsumgesellschaft ausländischer Güter. In den letzten 200 bis 300 Jahren hat sie es nicht geschafft, eigene Akzente zu setzen. Das gilt es in den kommenden Jahren zu ändern.
Was bleibt
Dies war nur ein Überblick über ein reiches Kapitel der Medizingeschichte, und doch zeigt er einen klaren Bogen: Eine Gemeinschaft, die die Zahnpflege als Sunnah des Propheten (Friede sei auf ihm) verstand, machte aus einem Zweig des Zahnbürstenbaums den Ausgangspunkt einer eigenen Wissenschaft. Al-Tabari und al-Razi legten die Grundlagen von Anatomie und Prävention, al-Majusi und Ibn al-Jazzar verfeinerten Diagnose und Rezeptkunst, al-Zahrawi machte die Oralchirurgie zum Handwerk mit eigenen Instrumenten, und noch Jahrhunderte nach dem Mongolensturm schrieben Ärzte von Istanbul bis ins Safawidenreich an dieser Tradition weiter. Wer heute eine Zahnbürste benutzt, eine Zahnspange trägt oder ein Implantat erhält, steht am Ende einer Kette, an deren Anfang auch die Zahnärzte der islamischen Welt stehen.
Quellen
- Uzel, Ilter: Dentistry (Chapter 5.5). In: The Different Aspects of Islamic Culture, Vol. 4: Science and Technology in Islam. UNESCO (UNESDOC Digital Library).
- Encyclopaedia Iranica.
