Wenn heute über muslimische Beiträge zur modernen Psychologie gesprochen wird, fallen meist westliche Schulen zuerst und die muslimischen Pioniere zuletzt. Genau deshalb gehört Malik Badri in die Reihe der Forgotten Heroes. Er war nicht nur ein bedeutender Psychologe, sondern ein Mann, der als Muslim vorlebte, dass fachliche Exzellenz, intellektuelle Unabhängigkeit und tiefe islamische Verankerung einander nicht widersprechen, sondern einander tragen.
Geboren 1932 in Rufaa im Sudan, studierte er an der American University of Beirut, promovierte 1961 an der University of Leicester und vertiefte sich klinisch in London. Später wirkte er als Professor, Kliniker und Hochschulleiter, als UNESCO-Experte in Äthiopien und als Berater der WHO, und an der International Islamic University Malaysia bekleidete er den Ibn-Khaldun-Lehrstuhl. Gerade das gibt seiner Kritik Gewicht: Er wandte sich gegen die westliche Psychologie nicht aus Unkenntnis, sondern als jemand, der in ihr ausgebildet war, sie akademisch beherrschte und ihre Reichweite wie ihre Grenzen von innen kannte.
Darin lag seine Pionierleistung. Badri gehörte zu den Ersten, die offen aussprachen, dass die westliche Psychologie keine wertfreie Universalwissenschaft ist. Sie gibt sich objektiv und allgemeingültig, ist in Wahrheit aber tief in westliche Paradigmen, Wertesysteme und Populationen eingebettet, also kulturgebunden. Schon in den frühen 1960er Jahren hatte er an der kulturellen Verzerrung psychologischer Tests gearbeitet und Prüfverfahren an sudanesische Kinder angepasst. Sein berühmtes Frühwerk „The Dilemma of Muslim Psychologists“ von 1979 war daher mehr als ein Fachbuch. Es war eine geistige Intervention, die vor der unkritischen Übernahme säkular-westlicher Theorien warnte und sie als „Kolonisierung des Geistes“ beschrieb.
Besonders scharf wandte er sich gegen die Freudsche Psychoanalyse und den Behaviorismus. Freud liest den Menschen als triebgesteuertes Wesen, der Behaviorismus reduziert ihn auf Reiz und Reaktion. In beiden Fällen wird der Mensch seiner eigentlichen Tiefe beraubt, er erscheint entweder als Summe seiner Triebe oder als Produkt seiner Umgebung. Für Badri war das keine wissenschaftliche Reife, sondern eine anthropologische Verfehlung: eine Psychologie, die Bewusstsein, Seele und die geistige Essenz des Menschen vergisst, nur weil allein gelten soll, was sich messen lässt.
Doch Badri war kein pauschaler Verwerfer. Er kritisierte das Falsche, übernahm das Brauchbare und ordnete es in ein umfassenderes Menschenbild ein. Er griff die klassischen Begriffe der islamischen Anthropologie wieder auf, nafs, qalb, ʿaql und rūḥ, und machte mit seiner Ausgabe von Abū Zayd al-Balkhīs „Nahrung der Seele“ sichtbar, dass muslimische Gelehrte schon Jahrhunderte vor der Moderne über ausgearbeitete Einsichten in Stress, Angst und seelisches Leiden verfügten. Die islamische Zivilisation, so zeigte er, besitzt eine eigene Genealogie des Wissens über die Seele, eine Genealogie, die verdrängt, aber nie widerlegt wurde.
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا فَأَلْهَمَهَا فُجُورَهَا وَتَقْوَاهَا قَدْ أَفْلَحَ مَن زَكَّاهَا وَقَدْ خَابَ مَن دَسَّاهَا
„Und bei der Seele und Dem, der sie geformt und vollendet hat, und ihr dann ihre Sündhaftigkeit und ihre Gottesfurcht eingab: Wahrhaft erfolgreich ist, wer sie läutert, und verloren, wer sie verkommen lässt.“
Sūrat asch-Schams (91:7 bis 10)
Ein Schlüssel zu seinem Werk ist seine bekannte Dreiteilung des Weges muslimischer Psychologen: zuerst die unkritische Verliebtheit in säkulare westliche Ansätze, dann der Versuch der Versöhnung von Islam und westlicher Theorie, schließlich die Emanzipation, also die Einsicht, dass ein eigenständiges islamisches Paradigma entwickelt werden muss. Das ist weit mehr als eine akademische Typologie. Es beschreibt den geistigen Weg vieler Muslime überhaupt: zuerst Bewunderung, dann Kompromiss und, wenn Allah es will, intellektuelle Befreiung.
Bei Badri bedeutete diese Emanzipation jedoch nicht Abschottung, sondern Neuordnung. Er wollte nicht, dass Muslime sich aus der Wissenschaft verabschieden, sondern dass sie sie aus einer anderen Grundlage heraus betreiben. Und er verkörperte das selbst: Eine Würdigung nennt ihn einen Mann tiefen Glaubens, für den die islamische Kontemplation keine säkulare Technik war, sondern aus den Anweisungen des Qurʾān hervorging und auf die erkenntnisvolle Hinwendung zu Allah als Schöpfer und Erhalter zielte.
Die Seele gehört in die Heilkunde
Badri kämpfte an einer stillen, aber entscheidenden Front: der Front des Menschenbildes. Er verstand, dass Völker nicht nur durch Armeen kolonisiert werden, sondern auch durch Begriffe, Kategorien und scheinbar neutrale Wissenschaften. Für HAKIM bleibt er ein Beweis, dass echte intellektuelle Souveränität möglich ist, wenn Wissen, Taqwā und methodische Strenge zusammenkommen. Wahre Heilkunde misst die Wissenschaft an der Wahrheit, nicht den Glauben an der Mode, und sie vergisst die Seele nicht.
