Die tragende Rolle muslimischer Wissenschaftler bei der Entwicklung ganzer Wissenschaftszweige (wie z. B. der Pharmazie oder der Chemie) wird im heutigen westlich-wissenschaftlichen Diskurs aus säkular-ideologischen Gründen gerne unterbewertet oder übersehen. Meist wird die Rolle muslimischer Wissenschaftler im goldenen wissenschaftlichen Zeitalter des Islams auf die von Übersetzern altgriechischer, altpersischer und altindischer Texte beschränkt. Dass dies nicht der Realität entspricht, sieht man am Beispiel der historischen Entwicklung der Chirurgie zu einer eigenständigen medizinischen Disziplin.
Die operative Behandlung von Frakturen und Wunden hatte schon in den frühen Hochkulturen der Ägypter, Sumerer oder Perser großes Gewicht, da sie für die medizinische Versorgung der Armeen unerlässlich war. Eine gute traumatologisch-medizinische Versorgung war unbedingte Voraussetzung für den Erfolg großer Armeen und das Ausweiten von Imperien. Aber erst im goldenen wissenschaftlichen Zeitalter des Islams entwickelte sich die Chirurgie durch die zahlreichen Innovationen großer muslimischer Mediziner wie der Andalusier al-Zahrawi und Ibn Zuhr zu einem eigenständigen medizinischen Fach.
Dieser Artikel folgt diesem Weg von Cordoba aus: zuerst zu al-Zahrawi, dem Mann, der die Chirurgie mit Instrumenten, Anästhesie und Hygiene überhaupt erst operabel machte, dann zu den Klinikern und Universalgelehrten des Ostens, weiter zu Ibn Zuhr und seinen Tierversuchen, und schließlich über die osmanischen Operateure und ihre Berufsethik bis zu den Militärchirurgen der Safawiden.
al-Zahrawi und das Tasrif
Die zweifellos bekannteste muslimische Persönlichkeit im Fach der Chirurgie war der Mediziner Abu al-Qasim al-Zahrawi (in Europa bekannt als Abulcasis). Er gilt als Vater der modernen operativen Chirurgie und als Erfinder von über 200 chirurgischen Instrumenten. Durch seine zahlreichen Innovationen entwickelte sich die Allgemeinchirurgie zu einem eigenständigen Fach und war nicht mehr nur ein Teil der Inneren Medizin. Übersetzungen seiner Werke wurden über fünf Jahrhunderte an europäischen Universitäten gelehrt.
Al-Zahrawis bekanntestes Buch war das Werk „al-Tasrif“. Es ist die erste Enzyklopädie chirurgischer Instrumente und galt mehrere Jahrhunderte als eines der wichtigsten Bücher der operativen Chirurgie. Das Buch bestand aus 30 Kapiteln und war das Ergebnis aus 50 Jahren praktischer medizinischer Erfahrung. Es behandelte u. a. Themen wie:
- Kauterisation
- Inzision
- Perforation
- Venensektion
- Wundmanagement
- Fixierung von Knochen
Damit deckte es alle chirurgischen sowie teilchirurgischen Fächer ab: die Allgemeinchirurgie, Orthopädie, Urologie, HNO, Ophthalmochirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Neurochirurgie und Militärmedizin/Traumatologie. Ein Teil des Buches beschäftigte sich auch mit dem Thema der Pharmakologie; er gab hier sogar eine Anleitung zur Zubereitung damals verwendeter Arzneien.
In seinem Buch beschrieb er schon damals die Kochersche Methode zur Repositionierung einer ausgekugelten Schulter. Das Werk enthält Bilder von damals verwendeten chirurgischen Instrumenten der Gynäkologie; darüber hinaus beschrieb er Techniken zur Behandlung einer Gynäkomastie und, 600 Jahre vor Ambroise Paré, die Ligatur von Blutgefäßen. Das Buch enthält zudem die historisch erste medizinische Beschreibung der Hämophilie. Sein Werk wurde bis ins 18. Jahrhundert in europäischen Städten wie Oxford, Basel oder Venedig veröffentlicht, und einige seiner Techniken sind bis heute aktuell. Er legte großen Wert darauf, die anatomischen Strukturen des menschlichen Körpers genau zu kennen: Er beschrieb vier praktische Beispiele, in denen die ungenaue Kenntnis der Anatomie seitens des Chirurgen zu postoperativen Komplikationen geführt hatte.
Der Hofarzt von Cordoba
Al-Zahrawi lebte vom 10. bis zum Anfang des 11. Jahrhunderts im damaligen islamischen Andalusien. Er stammte von den legendären Ansar aus Medina ab, und seine Vorfahren gehörten der islamischen Armee an, die große Teile der iberischen Halbinsel für das damalige islamische Kalifat eroberten. Er arbeitete 50 Jahre lang als Hofarzt der damaligen islamischen Herrscher Andalusiens al-Hakam II. und al-Mansur. Er entwickelte u. a. chirurgische Instrumente für Kaiserschnitte und Kataraktoperationen und beschrieb in seinem Werk viele neue Instrumente wie die Tonsillen-Guillotine, das Spekulum und die Injektionsspritze. Viele der von ihm entwickelten chirurgischen Instrumente sind in ähnlicher Form heute noch von Nutzen.
Al-Zahrawi erbrachte auch viele Durchbrüche im Bereich der Neurochirurgie. Er entdeckte die Ursache für eine traumatische Lähmung und erklärte, wie diese durch eine Fraktur im Bereich der Wirbelsäule entstehen kann. Er behandelte zudem Kopfverletzungen, Wirbelsäulenverletzungen, Schädelbrüche, Hydrozephalus und subdurale Ergüsse. Am Beispiel eines kleinen Jungen mit abnorm großem Kopf beschrieb er sehr genau die Pathophysiologie eines Hydrozephalus: dass der mangelnde Abfluss von Liquor für die Anomalie verantwortlich ist.
Sauberes Eisen, Fäden aus Tierdärmen
Durch Mischung und Kombination verschiedener Chemikalien entwickelte er eine Art Desinfektionsmittel zur Sterilisation seiner chirurgischen Instrumente. Er leistete somit auch Pionierarbeit im Bereich der Hygienemedizin; darüber hinaus war er der erste Mediziner, der die Pathophysiologie der Hämophilie beschrieb. Innere Schnitte und Wunden vernähte er mit einem fadenähnlichen Material aus Tierdärmen, und diese Praxis wurde noch mehrere Jahrhunderte nach seinem Tod angewandt.
Um das Jahr 960 entwickelte er damals neue Techniken und Instrumente zur thermischen Kauterisation. So setzte er Glüheisen bei Leistenbruchoperationen ein und nutzte die Technik der thermischen Kauterisation zur Blutstillung von Blutgefäßen. Historisch belegt ist auch, dass al-Zahrawi bei einem seiner Diener eine Notfall-Tracheotomie durchführte. Er beschrieb die operative Behandlung des Mammakarzinoms, die Lithotripsie bei Blasensteinen, Techniken zur Entfernung von Schilddrüsenzysten und die Behandlung von Talgdrüsen mit einer Sondiernadel.
Der schlafmachende Schwamm
Eine seiner wichtigen Innovationen im Bereich der Anästhesie war seine Erfindung der schlafmachenden Schwämme als Narkose. Der Schwamm wurde in aromatischen und sedierenden Substanzen getränkt, und man ließ ihn in der Sonne trocknen, um ihn aufbewahren zu können. Vor der Operation legte man den Schwamm in warmes Wasser, bis er sich vollgesaugt hatte, und legte ihn dann an die Nase und den Mund des Patienten; er wirkte als Resorptionsnarkose. Um die sedierende Wirkung zu erreichen, wurde der Schwamm in eine kochende Lösung aus Wasser, Haschisch (vom arabischen Hascheeh), Opium (vom arabischen Afiun), Scopolamin (vom arabischen cit al huscin) u. a. getaucht.
Al-Zahrawi war auch der erste Chirurg, welcher chirurgische Baumwolle zur Blutstillung nutzte (das englische Wort cotton für Baumwolle stammt vom arabischen Wort qutn). Eine weitere wichtige Innovation im Bereich der Traumatologie war seine Entwicklung von Gipsverbänden und Kohäsivbinden, welche in ähnlicher Form bis heute ein wichtiger Bestandteil der Orthopädie sind. In den islamischen Kalifaten und Sultanaten wurden Gipsverbände schon seit dem Mittelalter verwendet, während sie in Europa erst im 19. Jahrhundert routinemäßig zum Einsatz kamen.
Zwei Schnitte oberhalb der Brust
Innovativ waren auch seine neuen Techniken zur Behandlung der Gynäkomastie. Das Krankheitsbild der Gynäkomastie wurde schon in der Antike von griechischen und römischen Wissenschaftlern beschrieben. Allerdings gibt es keine historischen Belege dafür, dass zur Zeit der Antike operative Behandlungen der Gynäkomastie durchgeführt wurden. Der byzantinische Arzt Paulus von Aegina war wahrscheinlich der erste Arzt, der eine Operation zur Behandlung der Gynäkomastie durchführte. Die OP-Techniken von Paulus von Aegina wurden von al-Majusi (im Westen bekannt als Haly Abbas) in seinem Buch „Kitab al-Malaki“ ausführlich beschrieben.
Al-Zahrawi entwickelte die OP-Methode des Paulus weiter und beschrieb in seinem Werk zwei Methoden zur Behandlung der Gynäkomastie. Bei der ersten Technik macht man einen halbmondförmigen Schnitt oberhalb der Brust und entfernt das subkutane Fettgewebe. Im Gegensatz zu den byzantinischen Ärzten fügte al-Zahrawi am Ende der Operation ein Wundheilungsmittel hinzu. Und im Gegensatz zu Paulus, welcher den Schnitt unterhalb der Brust setzte, setzte al-Zahrawi ihn oberhalb; diese Technik war effektiver und trug wahrscheinlich zur späteren Entwicklung der operativen Techniken der Bruststraffung bei. Als Wundheilungsmittel benutzte al-Zahrawi u. a. die Pflanze Drachen-Rotang, deren antibakterielle und wundheilende Wirkung von der modernen Medizin bestätigt wurde. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass al-Zahrawi ein überragender Chirurg und zugleich ein führender Experte im Feld der damaligen Pharmakologie war.
Al-Zahrawis zweite Methode zur operativen Behandlung einer Gynäkomastie war es, zwei halbmondförmige Schnitte oberhalb der Brust zu setzen. Dadurch konnte neben dem subkutanen Fett auch überschüssige Haut effektiv entfernt werden. Am Ende der Operation gab er blutstillendes Puder im Bereich der Wunde. Die zweite OP-Methode führte auch schon Paulus durch, innovativ war hier aber die Gabe des blutstillenden Puders, welches auch die Wundheilung beschleunigte. In der traditionellen islamischen Medizin bestand dieses Pulver aus Aloe, Drachen-Rotang, arabischer Gummi-Akazie, Sarkokoll-Harz („persisches Gummi“) und Myrrhe; die blutstillende, die wundheilende und die antibakterielle Wirkung dieses Pulvers wurden von der modernen Medizin bestätigt.
Eine relativ häufige postoperative Komplikation bei der Gynäkomastie-Operation waren (unabhängig von der Methode) schwere Blutungen und große Hämatome. Daher waren und sind die Blutstillung und die Kompression während der Operation von immenser Bedeutung. Al-Zahrawi erkannte, dass gerade bei dieser Operation schwere Blutungen nicht selten waren und teilweise zu schweren Komplikationen führten; er benutzte daher Baumwolltücher zur Kompression. Zur Erleichterung des Geburtsvorgangs empfahl al-Zahrawi die sogenannte Walcher-Position: Dabei liegt die Frau mit ihrem Rücken auf dem Tisch, während die Beine unten hängen.
Die anderen Meister der goldenen Ära
Auch wenn al-Zahrawi mit Abstand die meisten Innovationen aller muslimischen Mediziner im Fach der Chirurgie hervorbrachte und somit zu Recht als Vater der modernen Chirurgie gilt, so darf man dennoch die Leistung vieler weiterer muslimischer Mediziner im Feld der Chirurgie zur Zeit der wissenschaftlich-goldenen Ära des Islams nicht vergessen.
Der persische Mediziner und Universalgelehrte Muhammad ibn Zakariya al-Razi (Rhazes) schrieb eine bedeutende Monographie über das Thema der Nieren- und Blasensteine. Er erfand den Seton (Fadeneinlage), welcher heute noch benutzt wird, z. B. bei der operativen Behandlung von Analfisteln.
Der ebenfalls persische Mediziner Ali ibn al-Abbas al-Majusi (welcher im 10. Jahrhundert lebte) schrieb das damals sehr innovative medizinische Werk „Kamil al-sinaa al-tibbiyya“. Dieses Buch hatte als eines der ersten medizinischen Werke ein komplett separates Kapitel über das Fach der Chirurgie. Er beschrieb in diesem Kapitel sehr detailliert den praktischen Vorgang bei einer Laryngotomie und beschrieb den Vorgang der Katheterisierung (die ersten formbaren Katheter wurden im 8. Jahrhundert von arabischen Medizinern entwickelt; man nahm gern Silber als Material aufgrund der guten Formbarkeit und der antiseptischen Eigenschaft von Silber). Er empfahl des Weiteren in seinem Werk, beim Mammakarzinom die komplette befallene Brust chirurgisch zu entfernen, und dasselbe Vorgehen empfahl er auch bei Tumorerkrankungen der Extremitäten. Al-Majusi benutzte Seide zur Ligatur von Arterien.
Der bekannte persischsprachig-zentralasiatische Mediziner und Universalgelehrte Abu Ali al-Husain Ibn Abdullah Ibn Sina (Avicenna) erörtert chirurgische Themen im vierten Band seines bekannten „Kanon der Medizin“. Er empfahl, chirurgische Schnitte entlang der Hautspannungslinien beziehungsweise Spaltlinien zu machen, da Hautschnitte in Richtung der Spaltlinien weniger auseinanderklaffen; eine Praxis, die bis heute vor allem in der plastischen Chirurgie Relevanz hat. Er warnte zudem davor, bei der Inzision Arterien, Venen oder Nerven zu beschädigen.
Ibn Sina legte großen Wert auf die Wunddesinfektion und Reinigung, da er richtig erkannte, dass Wundinfektionen die Wundheilung erheblich verzögern und sogar lebensgefährlich werden können. Er empfahl daher, Wunden mit Wein zu reinigen, und war somit der erste Mediziner, der die antiseptische Wirkung von Alkohol erkannte. Er empfahl nach einer Amputation (bei Tumorerkrankung), die Wunde mit Hitze zu veröden. Im Bereich der Unfallchirurgie war er der Meinung, dass Frakturen zur schnelleren und sichereren Heilung ruhiggestellt werden sollten. Ibn Sina war auch der erste Mediziner, der durchtrennte Nerven wieder zusammennähte, da sonst die Heilung ausblieb. Er war auch Erfinder von mehreren chirurgischen Instrumenten; er konstruierte bspw. ein chirurgisches Instrument zur Reposition dislozierter Wirbelkörper.
Der arabische Augenarzt Ali ibn Isa al-Kahhal (al-kahhal = der Augenarzt; er lebte in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts) beschäftigte sich in seinen Werken der Ophthalmologie auch mit der Anästhesie, die auch für ophthalmochirurgische Eingriffe von großem Gewicht ist. Er empfahl, Patienten, die sich bei medizinischen Eingriffen nicht ruhig halten können und unruhig werden, in Narkose zu legen und den Kopf des Patienten und dessen Arme von Assistenten festhalten zu lassen. Er beschrieb in seinen Werken u. a. die sedierende Wirkung von Alraune und Opium.
Der andalusische Philosoph Ibn Ruschd (Averroes, 1126-1198) behandelte in seinen medizinischen Werken ausführlich das Fach der Anatomie und ging auch auf chirurgische Themen ein. Er schrieb u. a. über die Behandlung von Abszessen, die Kontrolle und das Vorgehen bei Blutungen, über die Technik der Kauterisation und das Vorgehen bei Frakturen.
Der arabische Universalgelehrte und Mediziner Abdel Latif al-Baghdadi (1162-1231) bewies, dass der Unterkiefer nur ein einziger Knochen ist und nicht aus zwei Knochen besteht (wie früher angenommen). Er studierte das menschliche Skelett und erkannte, dass Galen in einigen Bereichen der Osteologie falsch lag.
Ibn Zuhr und die experimentelle Chirurgie
Der andalusische Mediziner und experimentelle Chirurg Abu Marwan Abdel Malik Ibn Zuhr (1094-1162) beschrieb als erster Mediziner, dass auch Knochen eine Sensibilität besitzen. Ibn Zuhr war der Lehrer des späteren bekannten Universalgelehrten Ibn Ruschd. Als experimenteller Chirurg erprobte er chirurgische Techniken an Tierversuchen, bevor er diese an Menschen anwandte, und führte das systematische Sezieren und die Autopsie ein. Ibn Zuhr war zudem der erste Mediziner, der die künstliche Ernährung mittels einer Art Magensonde erprobte; als Instrument hierfür nutzte er eine Tierblase, an der eine silberne Nadel beziehungsweise ein Rohr angebracht war. Er entdeckte als erster Mediziner, dass Skabies durch Milben verursacht wird, und dies war in der damaligen Zeit ein großer Schritt in der Mikrobiologie.
Es waren zudem Ibn Zuhrs Tierversuche, die dazu führten, dass sich die Technik der Tracheotomie als notwendige Therapie im Falle eines Notfalls für die Wiederherstellung der Beatmung durchsetzte. Die Technik der Tracheotomie war wahrscheinlich schon in der Antike bei den alten Ägyptern bekannt. Sie war aber lange Zeit bei den Griechen, Römern und den Byzantinern umstritten: Es bestand große Angst, dass die Patienten später an den Folgen der Wunde sterben könnten, und die Technik wurde von vielen Medizinern in der Antike und teils im frühen Mittelalter als zu drastisch angesehen. Ibn Zuhr führte die Technik der Tracheotomie an einer Ziege durch; er machte bewusst einen sehr kleinen Schnitt und reinigte anschließend die Wunde mit Wasser und Honig. Er schrieb, dass die Ziege den Schnitt unbeschadet überlebte, und räumte damit die Zweifel in Bezug auf die Tracheotomie aus dem Weg.
In Bezug auf Harnleitersteine empfahl er wie die Mediziner vor ihm diätische Maßnahmen als Prophylaxe und beschrieb zahlreiche konservative Techniken. Falls die konservativen Techniken versagen sollten, entdeckte Ibn Zuhr eine neue Technik: Er empfahl, eine feine Sonde in den Harnleiter einzubringen. Am Ende der Sonde war ein kleiner Diamantenkopf angebracht, und dieser Diamantenkopf zertrümmerte den Harnleiterstein, sobald er diesen erreichte. Dies waren kurz zusammengefasst nur einige Beispiele seiner zahlreichen Innovationen in der praktischen Chirurgie wie in der konservativen Medizin.
Während al-Zahrawi als der Vater der klinischen Chirurgie gilt, so gilt Ibn Zuhr als der Vater der experimentellen Chirurgie. Das damalige islamische Andalusien ist somit der Ausgangspunkt für die Entwicklung der modernen Chirurgie. Das Erfolgsmodell des islamischen Andalusiens zeigt, wie stark und wie positiv der Islam (in seiner politischen Anwendung) in der europäischen Geschichte verwurzelt ist.
Sabuncuoglu und der erste chirurgische Atlas
Auch in der späteren islamischen Geschichte, im Osmanischen Reich, hatte die Chirurgie einen hohen Stellenwert. Die medizinischen Innovationen waren aber nicht vergleichbar mit den Innovationen während des goldenen wissenschaftlichen Zeitalters des Islams. Der bekannteste osmanische Chirurg war Serefeddin Sabuncuoglu (1385-1468). Er begann seine medizinische Laufbahn mit 17 Jahren und arbeitete hauptsächlich in der Stadt Amasya im Krankenhaus Amasya Dar es Sifa (das Krankenhaus wurde 1308 errichtet). Sein Großvater Hajji Ilyas Beg war Hofarzt in Bursa während der Herrschaft von Sultan Celebi Mehmet.
Sabuncuoglu schrieb u. a. das bekannte Werk „Cerrahiyyetu-l Haniyye“ (Chirurgie des Reiches) und das Werk „Mücerrebname“. Er schrieb alle seine Werke in türkischer Sprache. Zur Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts stieg die türkisch-osmanische Sprache neben der arabischen und der persischen Sprache zur Sprache der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in der islamischen Welt auf. „Cerrahiyyetu-l Haniyye“ war das erste illustrierte medizinische Werk in osmanisch-türkischer Sprache und der erste chirurgische Atlas in der Medizingeschichte. Das Buch besteht aus drei Kapiteln und behandelt um die 191 Themen; es ist zugleich eines der letzten großen medizinischen Werke aus der islamischen Welt.
Sein Werk beruhte zum großen Teil auf al-Zahrawis Werk „al-Tasrif“, hat aber auch zahlreiche neue Innovationen. Viele neue Ideen Sabuncuoglus haben zum Teil ihre Ursprünge in der alten Heilkunst der zentralasiatischen Turkvölker und der Mongolen sowie in der fernöstlichen Medizin. Das Werk behandelt u. a.:
- Kauterisationsbehandlungen
- OP-Techniken
- Frakturen und Knochendislokationen
- Tumorfälle
- pädiatrische Operationen
- plastische Chirurgie
- Gynäkologie
- Gefäßchirurgie
- Neurologie
- Ophthalmologie
- chirurgische Instrumente
In „Cerrahiyyetu-l Haniyye“ sind auch sehr viele weibliche Chirurgen abgebildet, vor allem im Themenfeld der Gynäkologie. Dies zeigt, dass weibliche Ärzte einen festen Platz im osmanischen Gesundheitssystem hatten. Im Gegensatz zu den medizinischen Werken vorheriger muslimischer Mediziner enthält sein Werk zahlreiche detaillierte menschliche Abbildungen zur Erläuterung.
Für die Anästhesie benutzte Sabuncuoglu die Wurzeln der Alraune und Mandelöl. Er empfahl, ein Mammakarzinom in möglichst frühem Stadium zu entfernen, um eine Metastasierung zu verhindern. Zur Desinfektion benutzte er eine Mischung aus Wein und Olivenöl. Im Bereich der Neurochirurgie behandelte er kraniospinale Traumen, Kopfschmerzen, Hemiplegie, Hydrocephalus, Rückenschmerzen und Ischialgie. Besonders war auch sein Interesse an der Proktologie: So erläutert er in seinem Buch verschiedene operative Behandlungsmöglichkeiten von Hämorrhoiden, Analfissuren, perianalen Abszessen und Analfisteln.
Er entwickelte auch viele chirurgische Instrumente selber. So war er der erste Mediziner, der eine endoskopische Untersuchung mit einer Art Hohlrohr in den oberen Bereichen der Speiseröhre durchführte und Fremdkörper damit entfernte. Ebenso benutzte er silberne Tuben zur Entfernung von Blasen- und Harnsteinen. Einer seiner wichtigen medizinwissenschaftlichen Beiträge war die erste medizinische Beschreibung eines Pneumothorax und dessen Behandlung.
Das zweite bekannte Werk von Sabuncuoglu ist das Werk „Mücerrebname“. Es handelt sich hierbei um ein Pharmakologiebuch, und das Werk bestand aus 17 Kapiteln. Er beschrieb darin, wie er die Arzneien jeweils herstellte und sie dann später an Tieren und Menschen testete. Das Werk begann mit den am häufigsten benutzten Arzneien und endete mit den in der Praxis eher selten benutzten Arzneien.
Die Ethik des osmanischen Operateurs
Die ethischen Ansprüche an die Chirurgen im Osmanischen Reich waren sehr groß. So wurde von ihnen das Prinzip des Nichtschadens (u. a. Übertherapie vermeiden), Pünktlichkeit und das Verhindern von Fahrlässigkeit erwartet. Fachliches Geschick war unbedingte Voraussetzung für die chirurgische Arbeit. Wichtige Tugenden, die von Chirurgen erwartet wurden, waren Ernsthaftigkeit, Geduld und Fleiß. Im Süleyman Krankenhaus in Istanbul (gegründet von Sultan Süleyman 1556) wurde von den Medizinern viel fachliches Wissen und chirurgisch-praktische Fertigkeit erwartet, um dort als Chirurg arbeiten zu können. Neben medizinisch-ärztlichem Basiswissen, Effizienz und praktischen Fertigkeiten wurde von den Chirurgen erwartet, Kopfverletzungen, Frakturen, Tumore (unabhängig vom Organsystem), Hernien, Wunden, Ulzera, Pusteln und Abszesse u. a. zu behandeln. Obwohl schon seit dem Abbasidenkalifat Pharmazeuten für die Zubereitung von Arzneien in den Krankenhäusern der islamischen Welt verantwortlich waren, wurde von den Chirurgen im Osmanischen Reich erwartet, die Arzneien (die sie für die prä- und postoperative Behandlung benötigten) selbst herzustellen.
Im Krankenhaus von Uskudar (Scutari, ein Vorort von Istanbul), welches 1582 von Nurbanu Sultan (der Frau von Sultan Selim II.) gegründet wurde, wurde von den Chirurgen als Voraussetzung für ihre medizinische Arbeit verlangt, Patienten empathisch und barmherzig zu behandeln. Grobes, abweisendes Verhalten gegenüber den Patienten (unabhängig vom Verhalten des Patienten selbst) sollte unbedingt unterlassen werden.
Wichtige ethische Leitlinien für Chirurgen beschrieb auch Sabuncuoglu in seinem Werk „Cerrahiyyetu-l Haniyye“. So schrieb er, dass vor jeder Operation der Operateur die Gefahren einer postoperativen Blutung und postoperativer Infektionen ernst nehmen sollte. Er schrieb ebenso, dass kein Patient operiert werden sollte, wenn die Operation zu risikoreich für den Patienten sein sollte. Niemals sollte ein Chirurg aus reinem Profit operieren; das Interesse des Patienten sollte immer über dem Interesse des Arztes stehen. Sabuncuoglu legte großen Wert darauf, den Patienten und die Familie des Patienten vor jeder Operation ausführlich aufzuklären.
In einem anderen osmanisch-türkischen Buch („Alaim-i Jarrahin“, 1500) wird beschrieben, dass Chirurgen freundlich, ehrlich, bescheiden und respektvoll gegenüber ihren Ausbildern sein müssen. Sie sollen schnell und sicher ihr Handwerk beherrschen und über genügend medizinisches Basiswissen verfügen. Sie sollen in der Lage sein, u. a. Salben, Verbände, Kataplasmen und Arzneien herzustellen, welche auch für Kinder geeignet sind. Die chirurgischen Instrumente sollten nach damaliger Meinung einen Überzug aus Gold, Silber oder zumindest Zinn haben. In dem Manuskript „Hulasa-i Divan“ (17. Jahrhundert) wird betont, dass sich ein Mediziner der medizinischen Diagnose sicher sein muss, bevor er eine OP-Indikation stellen darf.
Militärchirurgie der Safawiden
Neben dem Osmanischen Reich existierten im Zeitalter der Neuzeit in der islamischen Welt zwei weitere mächtige Reiche. Der indische Subkontinent wurde von der sunnitischen Mogul-Dynastie regiert, und weite Teile Westasiens bis teils Zentralasien wurden von der schiitischen Safawiden-Dynastie regiert (1501-1736). Die Safawiden werden heute in der islamischen Welt sehr kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite wird den Safawiden sektiererisches Verhalten vorgeworfen, welches die islamische Welt stark geschwächt und die europäische Kolonialisierung der islamischen Welt ermöglicht hatte. Auf der anderen Seite herrschte zur Zeit der Safawiden relativ lange eine stabile politische Struktur in Westasien, die Wirtschaft boomte aufgrund der relativ günstigen geographischen Lage, und vor allem die persisch-islamische Architektur erlangte ihren Höhepunkt. Auch wurde die Medizin stark gefördert. Die persische Medizin erlangte zwar nicht wieder den Höhepunkt, den sie vor dem Mongolensturm hatte, aber dennoch war die Medizin der Safawiden sehr fortgeschritten. Wichtige muslimische Mediziner zur Zeit der Safawiden waren Baha al-Dawla Razi (circa 1455-1508), Imad al-Din Mahmud Shirazi (1515-1592) und Seyyed Muhammad Mumin (gestorben ungefähr 1697).
Aufgrund der vielen militärischen Konflikte der Safawiden mit den Osmanen und Usbeken war vor allem die Militärchirurgie von immenser Bedeutung. Die Stadt Qazvin (sie liegt im heutigen Iran) war das Zentrum militärischer Krankenhäuser der Safawiden. Daneben hatten die Safawiden in Kriegszeiten mobile Zeltkrankenhäuser; die Anwendung mobiler Zeltkrankenhäuser in Kriegszeiten geht auf die Dynastie der Abbasiden zurück.
Ein bekannter Militärchirurg zur Zeit der Herrschaft von Shah Abbas dem Großen (1571-1629) und Shah Safi I. (1611-1642) war Hakim Mohammad gewesen. Er ist der Autor des Buches „Dhakhira-yi Kamilah“; sein Buch ist in persischer Sprache geschrieben. Hakim Mohammad wurde im heutigen Iran geboren und diente als medizinischer Offizier in der osmanischen Armee. Die Chirurgie wurde zur Zeit der Safawiden stark gefördert, sodass persische Chirurgen auch im Ausland arbeiteten und stark gefragt waren.
Das Buch „Dhakhira-yi Kamilah“ enthält Informationen aus vorherigen medizinischen Werken und chirurgischen Manuskripten wie auch aus der langen praktischen Berufserfahrung Hakim Mohammads. Über dreißig verschiedene Chirurgen aus verschiedenen Gebieten der damals islamischen Welt (Persien, Istanbul, Zentralasien, Kaschmir, Ägypten usw.) benannte Hakim Mohammad namentlich. Das Werk besteht aus sechs Kapiteln und 33 Unterkapiteln. Er beschreibt detailliert in seinem Werk die Behandlung abdominaler und intestinaler Wunden, die Behandlung von Darmperforationen mit einer Naht und die operativen Behandlungsmöglichkeiten von Tumorerkrankungen. Er schrieb auch, dass Patienten mit durchgemachter Darmperforation für einige Tage Essen und Wasser meiden sollten. Darüber hinaus beschreibt er die Bisse von Schlangen, Skorpionen, verschiedenen Insekten und Säugetieren sowie die Anzeichen von Tollwut und deren Behandlungsmöglichkeiten. Er erklärt detailliert in seinem Buch den Unterschied einer luxierten und einer subluxierten Fraktur. Am Ende seines Werkes erklärt er fünf verschiedene Narkosemethoden.
Ähnlich wie die Kliniken des Osmanischen Reiches hatten auch nach Meinung von Hakim Mohammad Chirurgen hohe ethische Verpflichtungen. Sie sollten während der medizinischen Behandlung der Patienten voll auf Gott vertrauen. Sie sollten den Patienten nicht in Angst versetzen (auch wenn die Situation ernst war), sollten ihn aber transparent über seine jeweilige Situation genau aufklären. Die Patienten sollten saubere Kleidung bekommen und ein Zimmer mit einem Bett. Er empfahl, die ärztliche Visite auf das Nötigste zu beschränken, um die Chirurgen vor Infektionskrankheiten wie Pocken oder Lepra zu schützen. Auch sollten bei der Visite Ulzera nach Möglichkeit nicht vom Arzt angefasst werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Hakim Mohammad den Chirurgen das Tragen von Handschuhen sehr empfahl. Er empfahl, Handschuhe aus der Haut von Schafshoden und mit einem Zinnüberzug zu tragen. Es war damit der erste chirurgische Handschuh in der Medizingeschichte.
Was bleibt
Die oben erörterten Beispiele sind nur eine grobe Zusammenfassung der Leistungen muslimischer Mediziner im Bereich der Chirurgie. Durch ihre Innovationen entwickelte sich die Chirurgie zu einer eigenen medizinischen Disziplin. Zugleich leisteten sie wichtige Pionierarbeit im Bereich der Hygienemedizin und der anästhesiologischen Pharmakologie. Der Entwicklungsschwerpunkt der Chirurgie war vor allem das damalige islamische Andalusien gewesen.
Von Cordoba aus lässt sich die Linie durch ein halbes Jahrtausend verfolgen: al-Zahrawi gab dem Fach seine Instrumente, seine Narkose und seine Hygiene, Ibn Zuhr gab ihm das Experiment, al-Razi, al-Majusi und Ibn Sina gaben ihm die Fadeneinlage, die Ligatur und die Schnittführung, Sabuncuoglu gab ihm den ersten Atlas, und die osmanischen wie die safawidischen Kliniken gaben ihm seine Berufsordnung. Zur Zeit der Neuzeit hatten muslimische Chirurgen aufgrund ihrer guten medizinischen Ausbildung und ihrer hohen Medizinethik international einen sehr guten Ruf. Wer heute in einen Operationssaal tritt, arbeitet mit Spekula, Injektionsspritzen, Gipsverbänden und Kompressen, deren Vorläufer in diesen Jahrhunderten entstanden sind.
Quellen
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