Ein Mann kommt nach Medina. Er hat den Propheten ﷺ noch nie gesehen. Er ist Arzt, geschickt mit seinen Händen, und er kennt sich aus mit dem Schneiden. Als er das Siegel der Prophetschaft zwischen den Schultern des Propheten ﷺ erblickt, hält er es für eine Geschwulst. Sein ärztlicher Blick übernimmt, und er bietet an, was ein Arzt eben anbietet: „Zeig mir das auf deinem Rücken, ich bin ein Arzt, lass es mich herausschneiden und behandeln.“
Die Antwort des Propheten ﷺ ist einer der schönsten Sätze, die uns als Heilberufen überliefert sind.
اللَّهُ الطَّبِيبُ بَلْ أَنْتَ رَجُلٌ رَفِيقٌ طَبِيبُهَا الَّذِي خَلَقَهَا
„Allah ist der Arzt. Du aber bist ein sanfter Helfer. Ihr Arzt ist der, der sie erschaffen hat.“
Sunan Abī Dāwūd 4207 (ṣaḥīḥ)
Überliefert ist diese Begebenheit über Abū Rimtha at-Tamīmī, einen Gefährten aus dem Stamm Tamīm. Der große Medizinhistoriker Ibn Abī Uṣaybiʿa führt ihn in seinem Werk über die Ärzte als einen Heilkundigen aus der Zeit des Propheten ﷺ, der die Handarbeit und das Handwerk der Chirurgie beherrschte. In den Überlieferungswegen erscheint der Name mal als Abū Rimtha, mal als Ibn Abī Ramtha, und in einer Fassung ist es der Vater, der das Angebot macht. Der Kern aber ist in jeder Fassung derselbe.
Man muss genau hinhören, was der Prophet ﷺ sagt und was er nicht sagt. Er sagt nicht: „Du bist kein Arzt, lass die Finger von der Medizin.“ Im Gegenteil, er bestätigt das Können der Hand. Er ordnet es nur richtig ein. Der Mensch ist rafīq, der sanfte, geschickte Begleiter. Der Heilende ist Allah taʿālā. Genau diese Unterscheidung ist die ganze Identität des muslimischen Arztes. Wir behandeln, wir wenden das Mittel an, den sabab, und das Heilen gehört Allah. Es ist der Satz, den Ibrāhīm ﷺ im Quran spricht.
وَإِذَا مَرِضْتُ فَهُوَ يَشْفِينِ
„und wenn ich krank bin, heilt Er mich.“
Sūrat ash-Shuʿarāʾ (26:80)
Das ist von Anfang an die Haltung der Gemeinde gewesen. Die erste Generation hat die Medizin nicht verachtet, sie hat sie gesucht und das Können der Hand geehrt. Und zugleich hat sie den Arzt an seinen richtigen Platz gestellt, unter Allah, nicht an dessen Stelle. Die Heilkunde war willkommen. Der Hochmut war es nie.
Medizin gegen zwei Krankheiten
Für uns ist dieser eine Satz Medizin gegen zwei Krankheiten zugleich. Gegen die Überheblichkeit, wenn die Behandlung gelingt, denn wir waren nur der rafīq. Und gegen die Verzweiflung, wenn sie misslingt, denn der Arzt war ohnehin ein Anderer. Wir geben unser Äußerstes an Sorgfalt und Geschick. Das Ergebnis legen wir in die Hand dessen, der den Körper erschaffen hat.