Vor etwa zehn Jahren ging die sogenannte ICE Bucket Challenge viral, um auf eine Krankheit aufmerksam zu machen: ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Ziel war es, die Forschung sowie die Versorgung für diese lange als „unheilbar“ geltende Erkrankung voranzutreiben. Bis heute gilt ALS grundsätzlich als nicht heilbar, sondern lediglich in ihrem Verlauf kontrollierbar.
Doch vor einigen Monaten veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie eine Pressemitteilung, in der über neue medikamentöse Ansätze berichtet wird. Diese eröffnen die Möglichkeit, die Krankheit nicht nur zu kontrollieren, sondern bei bestimmten Unterformen sogar bereits entstandene Nervenschäden teilweise rückgängig zu machen. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob ALS in Zukunft womöglich doch heilbar sein könnte.
Dies ist ein eindrückliches Beispiel für eine Aussage des Propheten ﷺ:
مَا أَنْزَلَ اللَّهُ دَاءً إِلَّا أَنْزَلَ لَهُ شِفَاءً
Allah hat keine Krankheit herabgesandt, ohne dass Er auch ein Heilmittel dafür herabgesandt hat – außer dem Tod.
Ṣaḥīḥ al-Buḫārī 5678
Aus diesem Hadith ergibt sich für den muslimischen Heilberufler eine grundlegende Haltung gegenüber Krankheit. Im eigentlichen Sinne gibt es keine „unheilbaren“ Krankheiten. Vielmehr gibt es Krankheiten, deren Heilmittel uns noch nicht bekannt sind.
Das bedeutet jedoch auch, dass es aus dieser Perspektive nicht angemessen ist, einem Patienten mitzuteilen, seine Krankheit sei grundsätzlich unheilbar oder es könne nichts mehr für ihn getan werden. Gerade bei schweren Erkrankungen wie fortgeschrittenen Tumorleiden stellt sich häufig die Frage nach „kurativ“ oder „palliativ“. Medizinisch bedeutet dies, dass eine Heilung nicht mehr angestrebt wird und stattdessen die Symptomkontrolle im Vordergrund steht.
Die islamische Grundhaltung bleibt jedoch eine andere. Jede Krankheit, so komplex sie auch sein mag, ist prinzipiell heilbar, auch wenn wir das entsprechende Heilmittel möglicherweise noch nicht kennen. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass nicht das Mittel selbst die Heilung bewirkt, sondern Allah allein derjenige ist, der heilt.
Wie im Qur’an durch die Worte Ibrāhīms (a.s.) überliefert wird:
وَإِذَا مَرِضْتُ فَهُوَ يَشْفِينِ
Und wenn ich krank bin, ist Er es, der mich heilt.
Sure asch-Schuʿarāʾ 26:80
Heilmittel im Islam beschränken sich zudem nicht ausschließlich auf Medikamente. Sie umfassen ebenso das Bittgebet (Duʿāʾ), Ruqya sowie den Qur’an selbst. Allah sagt:
وَنُنَزِّلُ مِنَ الْقُرْآنِ مَا هُوَ شِفَاءٌ وَرَحْمَةٌ لِّلْمُؤْمِنِينَ
Und Wir senden vom Qur'an das hinab, was Heilung und Barmherzigkeit für die Gläubigen ist.
Sure al-Isrāʾ 17:82
Letztlich entscheidet Allah allein, welches Mittel Er zur Heilung eines Menschen einsetzt. Daraus ergibt sich für uns die Verantwortung, alle verfügbaren Ressourcen zu nutzen, sowohl die materiellen als auch die spirituellen.
Für den muslimischen Heilberufler bedeutet das konkret, dem Patienten stets Hoffnung zu vermitteln, gleichzeitig eine realistische medizinische Einschätzung zu geben, jedoch den Begriff der „Unheilbarkeit“ im absoluten Sinne zu vermeiden, da er unserem Glaubensverständnis widerspricht.
Zugleich sind wir angehalten, aktiv nach Heilmitteln zu suchen und medizinische Erkenntnisse voranzutreiben. In diesem Zusammenhang wird oft auf die Aussage von Imam al-Ghazālī verwiesen, der das Erlernen und Weiterentwickeln medizinischen Wissens als eine Farḍ al-Kifāya, also eine gemeinschaftliche Pflicht, einordnete.
Wenn du also das nächste Mal einem Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung, einer austherapierten COPD, ALS, schwerer Schizophrenie oder einer anderen schweren Erkrankung begegnest, dann halte einen Moment inne. Vergegenwärtige dir, dass auch diese Krankheit letztlich der Heilung zugänglich ist, auch wenn uns der Weg dorthin noch verborgen sein mag.
Gib dem Patienten Hoffnung, aber auch eine ehrliche und realistische Einschätzung seiner Situation. Vermeide jedoch den endgültigen Stempel der „Unheilbarkeit“, denn dieser widerspricht der inneren Haltung, die unser Glaube uns lehrt.