Nach dem Zerfall des weströmischen Reiches, dem Ende der Antike und dem Aufstieg des islamischen Kalifats zur Weltmacht wurde die islamische Welt zum Zentrum der alchemischen Wissenschaft, welche ihre Wurzeln vermutlich im alten Ägypten und in China hatte. Die damaligen alchemischen Wissenschaften bildeten die Basis der heutigen modernen Chemie und deren Nebenzweige; sie hatten zudem großen Einfluss auf die Entstehung der modernen Pharmazie.
Der persische Autor, Universalgelehrte, schiitische Esoteriker und Philosoph Jabir ibn Hayyan (in Europa bekannt als Geber), welcher in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts lebte, gilt als der Vater der modernen Chemie. Er schrieb Werke über verschiedene wissenschaftliche wie auch pseudowissenschaftliche Disziplinen, u. a. über Astronomie, Kosmologie, Pharmakologie, Botanik, Medizin, Magie sowie Metaphysik.
Zwischen dieser Ausgangslage und der Chemie, die heute an jeder Universität gelehrt wird, liegen rund fünf Jahrhunderte praktischer Laborarbeit. Der Artikel folgt ihrem Weg: von der Qualitätenlehre und der ersten Stoffordnung über die Verfahren und die Geräte des Labors, die neuen Säuren und Substanzen, die Anwendungen in Keramik, Glas und Erdöl bis zu Seife, Parfüm und Schwarzpulver, und er endet bei der Frage, warum dieser Strom an Innovationen abriss.
Die Ordnung der Stoffe
Jabir ibn Hayyan war der Auffassung, dass jedes Metall zwei der verschiedenen Qualitäten (heiß, kalt, trocken, nass) hat. Die Idee der Qualitäten stammt von antiken griechischen Wissenschaftlern und Philosophen. Nach Ibn Hayyans Auffassung war bspw. Gold heiß und feucht, während Blei kalt und trocken war. Er glaubte, dass die Neuordnung der Qualitäten bzw. der Eigenschaften eines Metalls zur Entstehung eines neuen Metalls führt (Transformationslehre).
In Ibn Hayyans Werken findet sich die älteste systematische Klassifikation von chemischen Substanzen. Sein Klassifikationssystem beinhaltet neben den klassischen Elementen Feuer, Erde, Luft, Wasser sowie Äther drei weitere Stoffgruppen. Die eine Gruppe (Schwefel) sind die leicht entflammbaren Stoffe; die zweite Gruppe beinhaltet Stoffe wie Quecksilber, welche flüchtig sind; die dritte Gruppe beinhaltet Stoffe wie Gold, Blei, NaCl und „Steine“, also Stoffe, welche stabil sind und zu Pulver gemahlen werden können.
Die Werke von Ibn Hayyan bildeten außerdem die Basis für die Theorie des Korpuskularismus. Sie beschreibt, dass alle physischen Körper aus einer inneren und einer äußeren Schicht von Mikropartikeln bestehen. Die Theorie des Korpuskularismus half u. a. Isaac Newton später bei der Entwicklung seiner ballistischen Lichttheorie.
Der Stein der Weisen und seine Kritiker
Die Theorie muslimischer Alchemisten wie Jabir ibn Hayyan über die Transformation von Metallen führte dazu, dass Alchemisten jahrhundertelang versuchten, den sogenannten „Stein der Weisen“ zu finden (arabisch El Iksir, daraus leitet sich das deutsche Wort Elixier her). Als den „Stein der Weisen“ bezeichneten Alchemisten eine Substanz, mit der man unedle Metalle wie Quecksilber zu edlen Metallen wie Gold und Silber verwandeln könnte. Auf Jabir ibn Hayyan geht auch die Theorie des Takwin zurück; das Konzept des Takwin ist es, künstliches Leben im Labor zu erschaffen.
Es gab in der islamischen Welt viele Kritiker der sogenannten Transformationstheorie. Der Wissenschaftler al-Kindi und später der bekannte arabische Historiker und Politiker Ibn Khaldun warnten vor der künstlichen Herstellung von Gold, da dadurch Gold an Wert verlieren und das gesamte Finanzsystem destabilisiert würde.
Die Verfahren: Destillieren, Filtrieren, Kalzinieren
Muslimische Alchemisten wie Jabir ibn Hayyan, Abubaker al-Razi (in Europa bekannt als Rhazes) und al-Kindi (in Europa bekannt als Alkindus) haben mit ihren Innovationen, Entdeckungen und Erfindungen die Grundfundamente für die moderne Chemie gelegt. Jabir ibn Hayyan erfand im 8. Jahrhundert den Prozess der reinen Destillation (al-taqdir, Trennung und Reinigung chemischer Substanzen mithilfe eines Destillierkolbens), Filtrationsprozesse (al-tarshih), den Kristallisationsprozess (al-tabalwur), Verflüssigungsprozesse, Reinigungsprozesse, Oxidationsprozesse sowie Verdampfungsprozesse (tabhkir).
Der persische Universalgelehrte al-Razi entdeckte im 9. Jahrhundert den Prozess der Trockendestillation und den Kalzinationsprozess (al-tashwiya). Andere muslimische Alchemisten entdeckten den Prozess des Röstens, Lösungsprozesse, Mischungsprozesse, Wasserreinigungsprozesse sowie die chemische Fixierung. Im 8. Jahrhundert stellten muslimische Alchemisten Teer aus Erdöl mit Hilfe von Destillationsprozessen her.
Das Labor: Alembik, Retorte, Aludel
Der Alembik (Destillierhelm) wurde von Jabir ibn Hayyan erfunden. Der Name Alembik geht auf das arabische Wort al-anbiq zurück. Auch die Retorte wurde von Jabir ibn Hayyan erfunden und daraufhin von muslimischen Wissenschaftlern benutzt; in Europa wurde die Retorte erst 1570 benutzt.
Später, im 11. Jahrhundert, erfand der muslimische Mediziner Ibn Sina (Avicenna) die Kühlspirale, womit man aromatische Dämpfe kondensieren konnte. Dies war ein Durchbruch in der Destillationstechnologie. Ibn Sina benutzte seine Erfindung für die Wasserdampfdestillation, um essentielle Öle herzustellen. Muslimische Alchemisten und Ingenieure erfanden ebenso den Destillationskolben, Aludels (besondere Töpfe, die in der frühen Chemie zur Sublimation benutzt wurden) sowie Laborausstattungen zum Schmelzen von Metallen wie Hochöfen und Schmelztiegel.
In seinem Werk Secretum secretorum beschreibt al-Razi, dass die folgenden Geräte durch ihn und seine muslimischen Vorgänger (Khalid ibn Yazid, Jabir ibn Hayyan, Abu Yusuf Yaqub ibn Ishaq al-Kindi) für die Herstellung von Arzneien erfunden wurden.
- Destillierkolben mit einem Abzugsrohr (qar aq anbiq dhu-khatm)
- einfacher Destillationsapparat ohne Abzugsrohr (al anbiq al ama)
- Aludel (al-uthal)
- Trichter (qadah)
- Kolben (Qarura oder Quwarir)
- Kochkessel (marjal aw tanjir)
- Ofen (al-tannur)
- kleine zylindrische Öfen zum Heißen von Aludeln (mustawqid)
- Trichter, Siebe, Filter usw.
Ebenso beschreibt er, dass sie folgende Geräte zum Schmelzen von Substanzen (li-tadhwib) erfunden hätten.
- Herd (kur)
- Blasebalg (minfakh aw ziqq)
- Tiegel (bawtaqa)
- Feuerzange (masik aq kalbatan)
Diese Laborgeräte werden größtenteils in ähnlicher Weise noch heute benutzt, und wer heute in einem Chemiesaal steht, arbeitet mit den Nachfahren dieser Formen.
Neue Säuren, neue Elemente
Neben den Laborgeräten entdeckten islamische Wissenschaftler viele damals neue chemische Substanzen und legten damit ein wichtiges Grundfundament der modernen Chemie. In vorislamischer Zeit war bspw. Essig die einzig bekannte Säure gewesen. Durch neue technische Innovationen wie den Destillierkolben und neue Destillierverfahren haben muslimische Wissenschaftler neue Säuren entdecken und isolieren können, etwa die Salpetersäure oder die Schwefelsäure. Die drei wichtigsten Mineralsäuren (Salzsäure, Salpetersäure, Schwefelsäure) wurden alle als erstes von Jabir ibn Hayyan produziert; sie sind bis heute mit die wichtigsten Substanzen der chemischen Industrie. Auch schaffte es Jabir ibn Hayyan, durch Destillationsverfahren Essigsäure in höherer Konzentration aus Essig zu gewinnen. Es wird ebenso vermutet, dass er der Entdecker der Zitronensäure und der Weinsäure sein soll.
Neben den verschiedenen Säuren entdeckte Jabir ibn Hayyan auch verschiedene chemische Elemente wie Arsen, Bismut sowie Antimon. Er war auch der erste Wissenschaftler, welcher Schwefel („der Stein der brennt“) und Quecksilber als chemische Substanzen auflistete. Die Elemente Blei und Zinn wurden das erste Mal von muslimischen Alchemisten klar voneinander als unabhängige, eigene Substanzen unterschieden. Im 10. Jahrhundert schrieb al-Razi, dass er und seine Vorgänger (Jabir ibn Hayyan, al-Kindi, Khalid ibn Yazid) folgende Derivate und chemische Verbindungen entdeckt hatten: Blei(II)-oxid, „rotes Blei“ (Pb3O4), Zinn(II)-oxide, Kupferacetat, Kupferoxid, Zinnsulfide, Zinkoxide, Bismutoxide, Antimonoxide, Eisenrost, Eisenacetat, Zinnober, Arsentrioxid, Alkalien, Natriumhydroxid sowie Qalimiya (alles, was sich von Metallen während ihres Reinigungsprozesses trennt).
Alkohol und al-Razis Ordnung der Substanzen
Durch die großen Fortschritte in der Destillationstechnik schafften es islamische Wissenschaftler während des Abbasidenkalifats, Alkohol (Ethanol) als reine Komponente zu isolieren. Der so destillierte Alkohol wurde vor allem in der Medizin und Pharmazie der damaligen islamischen Welt verwendet. Das Verbot vom Konsumieren alkoholischer Getränke war kein Hindernis für islamische Wissenschaftler, in diesem Bereich zu forschen und Alkohol für andere Zwecke zu benutzen. Muslimische Alchemisten und Ärzte entdeckten und entwickelten um die 2000 medizinische Substanzen, die in der Medizin und Pharmazie eingesetzt wurden.
Der Wissenschaftler Abubaker Muhammad Ibn Zakariya al-Razi klassifizierte im 10. Jahrhundert verschiedene natürliche chemische Substanzen, welche sowohl von ihm als auch von seinen Vorgängern (Jabir ibn Hayyan, al-Kindi, Khalid ibn Yazid, al-Tamimi) entdeckt worden waren.
- vier flüchtige Substanzen: Quecksilber, Ammoniumsalze, Arsen, Schwefel
- sieben schmelzbare Metalle: Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, Quecksilber
- dreizehn Steine: Marqashisha (Markasit), Maghnisiya (Manganoxid), Tutiya (Zinkoxid), Lapislazuli, Malachit, Türkis (Kupfer-Aluminium-Phosphat), Hämatit, Arsenoxid, Bleisulfid, Talq (Mica und Asbest), Gips, Glas
- sechs Vitriole: schwarzes Vitriol, Alaun, Qalqand, Qalqadis, Qalqatar, Suri
- sieben Borate: Borax, Natron, Nitrate, Natriumnitrat, Kaliumnitrat, Natriumborat
- dreizehn Salze: Blei(II)-Acetat, Magnesiumsulfate, Andarani-Salze, Tabarzad-Salze, Kaliumnitrate, Naphthenate, Schwarzsalz (indisch), Alkali, Natron, Urate, Calciumhydroxid usw.
Al-Razi beschreibt zudem, dass die einzige pflanzliche Substanz, die von muslimischen Alchemisten benutzt wurde, die Asche der Uschnan-Pflanze (Seidlitzia rosmarinus) war. Diese wurde benutzt, um Alkalimetalle und Alkalisalze zu produzieren. Er beschreibt auch zehn tierische Substanzen, die von ihm und anderen Alchemisten seiner Zeit benutzt wurden: Haare, Knochen, Gehirne, Galle, Eier, Blut, Milch, Urin, Hörner, Perlmutt. Er schrieb, dass Tierhaare, Gehirne, Galle, Eier, Knochen und Blut u. a. für die Herstellung von Salmiak benutzt wurden.
Durch ihre praktische experimentelle Arbeit produzierten muslimische Alchemisten als erste Wissenschaftler chemische Substanzen wie reines Arsen, Alkalien, Alkalisalze, Reisessig, Boraxe, Kaliumnitrate, Schwefel, reines Salmiak, Königswasser, Alaun, Quecksilberlösungen (durch Jabir ibn Hayyan), Salpetersäure und Vitriole (durch al-Razi), Ethanol, Schwefelsäure, Ammoniak, Campher, Pomade, Sirups, Bleicarbonat, Antimon, Bismut sowie Quecksilberoxid.
Glasur, Lüster und das Glas von Raqqa
Wichtige chemische Innovationen nutzten muslimische Alchemisten auch im Bereich der Glasurtechnik der Keramikherstellung. Durch Zinnoxid erschufen sie eine weiße Glasur (die weiße Trübung beruhte vor allem auf dem hohen Brechungsindex), auf der sie mit Kobalt (blaue Farbe) malten. Das Kobalterz wurde sogar aus dem sächsischen Erzgebirge importiert. Diese Technik der blauen Bemalung wurde von den Chinesen übernommen und wurde zum Exportschlager der Ming-Dynastie; die Chinesen benannten sie Hui-ching (Mohamedanerblau).
Die Technik der Lüsterkeramik wurde während der Abbasiden-Dynastie von Jabir ibn Hayyan erfunden. Bei dieser Technik wird durch einen metallisch schimmernden Überzug die Leuchtkraft der jeweiligen Keramikprodukte gestärkt. Technisch wurden hier Emulsionen von Metallsulfaten und Metalloxiden mit Ocker vermischt; diese wurden in saurer Lösung auf die beim ersten Brand entstandene Glasur aufgebracht. Eine weitere Erfindung Jabir ibn Hayyans im Bereich der Keramiktechnik war das Albarello (Apothekengefäß). In diesem Gefäß wurden Arzneien und Gewürze transportiert. Über das damalige Emirat von Cordoba gelangte das Gefäß nach Europa und wurde im 15. Jahrhundert auch in Italien hergestellt.
Der erste fast schon industrielle Komplex zur Herstellung von Gläsern und Keramik wurde im 8. Jahrhundert im heute syrischen Raqqa errichtet. Der Komplex war fast zwei Kilometer lang, und viele technische Innovationen zur Herstellung hochgradig reiner Glasprodukte wurden hier erfunden. Eines der reinen, klaren Gläser war das Quarzglas, welches von Abbas ibn Firnas im 9. Jahrhundert erfunden wurde.
Aus dem Erdöl: Teer, Naphtha, Kerosin
Wichtige Innovationen fanden auch im Bereich der Herstellung und Nutzung von Erdölprodukten statt. Bagdad war im 8. Jahrhundert die erste Stadt der Welt, welche mit Teer gepflasterte Straßen besaß. Teer wurde damals durch die Technik der destruktiven Destillation aus Erdöl hergestellt. Im 9. Jahrhundert wurde im heutigen Aserbaidschan Erdöl abgebaut, um Naphtha zu produzieren. Diese Felder wurden im 13. Jahrhundert von Marco Polo beschrieben; er beschrieb, dass hunderte Schiffe mit dem abgebauten Erdöl beladen wurden.
Muslimische Alchemisten waren auch die ersten Wissenschaftler gewesen, welche Benzin durch Destillationsprozesse aus Erdöl gewannen. Das Wort Benzin stammt ursprünglich vom arabischen Wort luban dschawi („Weihrauch aus Java“). Durch Handelsbeziehungen muslimischer Händler mit Katalonien gelangte der Begriff nach Europa, und aus dem arabischen Begriff luban dschawi entstand der katalanische Begriff benjuí sowie der lateinische Begriff Benzoe. Daraus entwickelte sich das deutsche Wort Benzin, das der Chemiker Eilhard Mitscherlich 1833 für sein aus Benzoeharz gewonnenes Destillat prägte.
Ebenso wurde die Herstellung von Kerosin aus Rohöl durch Destillationsprozesse als erstes vom persisch-muslimischen Universalgelehrten al-Razi im 9. Jahrhundert in Bagdad beschrieben. In seinem Buch Kitab al-Asrar (Buch der Geheimnisse) beschreibt er zwei Methoden zur Herstellung von Kerosin: Bei der einen Methode wurde Ton als absorbierender Stoff mitbenutzt, bei der anderen Methode Salmiak. Al-Razi beschrieb in seinem Buch auch als erster die Kerosin-Lampe (naffatah), welche zum Beleuchten und Heizen verwendet wurde.
Seife, Zahnpasta und die Parfümindustrie
Große Innovationen erbrachten muslimische Wissenschaftler auch im Bereich der Hygiene. Hygiene und Sauberkeit haben einen hohen Stellenwert in der islamischen Kultur, und die regelmäßige Körperpflege ist eine religiöse Pflicht für jeden Muslim. Im 9. Jahrhundert entwickelte Ziryab die frühe Version einer Zahnpasta, welche sich im damaligen islamischen Andalusien verbreitete. Die genauen Zutaten der damaligen Zahnpasta sind heute unbekannt; sie hatte aber einen angenehmen Geschmack gehabt.
Auch die ersten richtigen Seifen wurden von muslimischen Alchemisten entwickelt. Sie bestanden aus pflanzlichen Ölen (wie Olivenöl), aromatischen Ölen (wie Thymianöl) sowie Natriumlauge (al Soda al Kawla). Diese frühen Seifen unterscheiden sich vom Grundfundament her nur wenig von heutigen modernen Seifen. Die ersten Seifen wurden schon im siebten Jahrhundert im heutigen Nablus (heutiges Palästina), Kufa (heutiger Irak) und Basra (heutiger Irak) produziert. Die arabischen Seifen waren parfümiert und hatten verschiedene Farben. Es gab einfache Seifen oder auch fettigere Seifen, und diese Seifen wurden sehr preiswert verkauft: Eine Seife kostete umgerechnet 3 Dirham (ungefähr 0,3 Dinar). Es gab viele verschiedene Rezepte für die Herstellung von Seife. In einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert wurde beschrieben, dass für die Herstellung von Seife Sesamöl, Kaliumkarbonat, Alkali sowie Kalk benutzt wurde. Die Bestandteile wurden zusammen vermischt und gekocht; beim Abkühlen entstand harte Seife.
Große Innovationen brachten muslimische Wissenschaftler vor allem auch bei der Parfümherstellung. Dies geht vor allem auf die zahlreichen Innovationen muslimischer Alchemisten im Bereich der Destillationstechnologie zurück. Der zweite Grund ist, dass durch die globalen Handelsrouten muslimischer Händler und Kaufleute neue Gewürze und Rohstoffe für die Herstellung von Parfümen kultiviert wurden. Der Jasminbaum war bspw. ursprünglich in Süd- und Südostasien beheimatet; er wurde von muslimischen Kaufleuten kultiviert, und dessen Blüten wurden bspw. für die Parfümherstellung benutzt.
Die islamischen Kalifate und Sultanate erschufen ein riesiges globales Handelsnetzwerk, welches von Ostasien bis zur iberischen Halbinsel und südlich bis zu den Küsten Ostafrikas reichte. In der Neuzeit wurde der Indische Ozean von den Europäern daher auch als „islamisches Binnengewässer“ bezeichnet. Diese Handelsroute der Gewürzvölker brachte neue Kulturen, Sprachen und Völker hervor. Ein Beispiel ist die ostafrikanische Sprache Suaheli, welche eine Mischsprache aus bantuafrikanischen Sprachen, der arabischen Sprache und der persischen Sprache ist und als ein kulturelles Ergebnis dieser damaligen islamischen Handelsroute gesehen werden kann.
Das Benutzen des Parfüms spielt eine große Rolle in der islamischen Kultur. Der Prophet Mohammed (Friede sei auf ihm) empfahl jedem männlichen Gläubigen (ab dem Erreichen der Pubertät), freitags eine Ganzkörperwaschung durchzuführen sowie den Siwak zur Zahnreinigung und Parfüm zu benutzen. Diese Anweisungen des Propheten (Friede sei auf ihm) motivierten Gelehrte und Wissenschaftler in der islamischen Welt, nach Wegen zu suchen, um Parfüm billiger und in Massen zu produzieren. Vor allem die Alchemisten Jabir ibn Hayyan und al-Kindi hatten großen Einfluss auf den Ausbau der Parfümindustrie. Jabir ibn Hayyan entwickelte viele verschiedene Techniken wie die Destillation, die Verdunstung sowie die Filtration; mit ihnen konnte er den Duft von Pflanzen als Dampf sammeln und in Form von Wasser oder Öl binden. Al-Kindi gilt als der wahre Begründer der Parfümindustrie. Er betrieb intensive Forschung und Experimente, in denen er verschiedene Pflanzen und andere Produkte (wie bspw. Gewürze oder Harze) verarbeitete, und entwickelte verschiedene Düfte. Moschus und andere Parfüme wurden im 11. und 12. Jahrhundert durch zurückkehrende Kreuzzügler und durch Handelsbeziehungen nach Europa gebracht.
Auch nach der goldenen wissenschaftlichen Ära der islamischen Welt gab es wichtige chemisch-technische Innovationen durch Muslime, allerdings in einem deutlich geringerem Rahmen. So führte der bengalische Muslim Sake Dean Mahomet (Sheikh Deen Muhammad) das erste modernere Shampoo in England ein. Er war ein damaliger Reisender, Autor und Unternehmer (mit 11 Jahren war er Mitglied der Britischen Ostindien-Kompanie), der nach Irland und England migrierte. Er etablierte mit seinem Angebot den Begriff Shampoo in England (abgeleitet vom indischen Champi, das für eine Art indischer Kopfmassage steht) und eröffnete mit seiner irischen Frau in Brighton eine Art Shampoo-Kopfmassage-Salon. Sein Konzept war ein voller Erfolg; er wurde als Dr. Brighton bekannt und bekam den Titel „Shampooing Surgeon of the King“.
Salpeter, Schwarzpulver und Damaszener Stahl
Große chemisch-technische Innovationen erbrachten muslimische Alchemisten auch im militärischen Bereich. Das Kaliumnitrat war den Arabern unter verschiedenen Namen schon in frühen Jahren bekannt. Es wurde bspw. in metallurgischen Prozessen benutzt oder für das Herstellen von Salpetersäure und Königswasser. Ausführliche Anleitungen hierfür wurden in den Werken von Jabir ibn Hayyan, al-Razi sowie anderen Alchemisten gefunden. Darüber hinaus gibt es zwei große Werke, die den Reinigungsprozess von Salpetersalzen (wie Kaliumnitrat) beschreiben: Das eine Werk ist das Buch al-Muqaddimat von Ibn Bakhtawayh (geschrieben um 1029), das andere Werk ist das Buch al-Furusiyya wa al-Manasib al-Harbiyya (geschrieben um 1270) vom arabischen Chemiker und Ingenieur Hassan al-Rammah aus dem heutigen Syrien. Al-Rammah war der erste Wissenschaftler, der den kompletten Reinigungsprozess von Kaliumnitrat (von Kalzium- und Magnesiumsalzen) beschrieb. Das gereinigte Kaliumnitrat wurde vor allem militärisch genutzt.
Die erste Anleitung zur Herstellung von Schwarzpulver findet sich in einem arabischen Manuskript aus dem 10. Jahrhundert. In einem anderen Manuskript aus dem 10. Jahrhundert findet sich eine komplette Anleitung zum Benutzen von Schwarzpulver für Kanonen. Die ideale Zusammensetzung von modernem Schwarzpulver enthält grob 75 % Kaliumnitrat, 10 % Schwefel sowie 15 % Kohlenstoff. Fast die identische Zusammensetzung beschrieb al-Rammah 1270 in seinem Buch al-Furusiyya wa al-Manasib al-Harbiyya („Das Buch für militärische Reitkunst und raffinierte Kriegsgeräte“). Beispiele hierfür in seinem Buch sind die Anleitungen für die Herstellung von tayyar, „Raketen“ (75 % Kaliumnitrat, 8 % Schwefel, 15 % Kohlenstoff), und tayyar buruq, „Leuchtraketen“ (74 % Kaliumnitrat, 10 % Schwefel, 15 % Kohlenstoff). In seinem Buch beschreibt er, dass viele dieser Anleitungen schon seinem Vater und Großvater bekannt waren. In Europa dagegen war die Herstellung von Schießpulver bis ins Spätmittelalter unbekannt. Die ersten Prototypen von Handgranaten wurden von den muslimischen Mameluken 1260 gegen die Mongolen in der Schlacht von Ain Jalut eingesetzt; die ersten Formen von Handgranaten waren mit Schwarzpulver gefüllte Keramikgefäße.
Eine weitere wichtige technische Innovation im militärischen Bereich war der Damaszener Stahl. Der Damaszener Stahl war ein besonderer Stahl, welcher in der Nähe von Damaskus produziert wurde und vor allem für die Herstellung von Schwertern in der Zeit von 900 bis 1750 genutzt wurde. Der Damaszener Stahl wurde in Tiegelöfen in einem Schmelzverfahren hergestellt. Bis ins 19. Jahrhundert wurde Holzkohle zum Erhitzen in Öfen benutzt; mit Holzkohle lassen sich aber keine Temperaturen erreichen, die Eisen zum Schmelzen bringen könnten. Daher werden in diesem Verfahren Eisenerze mit beigefügtem Kohlenstoff erhitzt, denn durch das Beifügen von Kohlenstoff sinkt der Schmelzpunkt des Eisens. Der Kohlenstoffgehalt darf aber auch nicht zu hoch sein, da sich der Stahl sonst nicht schmieden lassen würde. Die Technik stammte ursprünglich aus dem indischen Subkontinent und wurde dann in den Ländern der Levante weiterentwickelt. Durch die Kreuzzüge und die sogenannten „Türkenkriege“ gelangten viele aus Tiegelstahl mit Maserung hergestellte orientalische Waffen und Rüstungen nach Europa.
Wie der Westen urteilte
Die oben genannten Beispiele sind nur ein kurzer Überblick der Werke muslimischer Chemiker und Universalgelehrter. Ihre Entdeckungen, Innovationen und Erfindungen haben die Basis für die moderne Chemie und Pharmazie sowie deren Nebenfächer geschaffen. Der deutsche Wissenschaftler und Forschungsreisende Alexander von Humboldt beschrieb auch richtig, dass die muslimischen Alchemisten die Väter der modernen Chemie sind.
Der US-amerikanische Philosoph Will Durant beschrieb in seinem Buch „Die Geschichte der Zivilisation“ (The Story of Civilization) sinngemäß, dass die Wissenschaft der Chemie fast komplett von Muslimen geschaffen worden ist. Im antiken Griechenland beschränkte man dieses Themenfeld auf vage Theorien und praktische Erfahrungen, während die Sarazenen in diesem Gebiet präzise Entdeckungen machten, kontrollierte wissenschaftliche Experimente durchführten und genaue wissenschaftliche Protokolle schrieben. Sie erfanden u. a. den Destillierkolben, führten chemische Analysen bei einer Vielzahl von chemischen Substanzen durch, sie unterschieden Alkali von Aziden, untersuchten chemische Reaktionen und Affinitäten, sie studierten und produzierten hunderte verschiedene Arzneien. Die Alchemie, welche die Muslime von den alten Ägyptern übernommen hatten, wandelte sich durch ihre unzähligen Entdeckungen und ihre wissenschaftliche Arbeit in die moderne Chemie.
Der US-amerikanische Medizinhistoriker und Bibliothekar Fielding H. Garrison schrieb sinngemäß in seinem Werk „Geschichte der Medizin“, dass die Sarazenen die Urheber der Algebra, der Chemie sowie der Geologie sind und darüber hinaus durch ihre zahlreichen Innovationen wie Straßenlampen, Fensterscheiben, Feuerwerk, moderne Saiteninstrumente, das Kultivieren von verschiedenen Früchten, Parfüme, Gewürze usw. zum Fortschritt und zur Verbesserung der Zivilisation geführt haben.
Der Verlust des Verhältnisses zur Wissenschaft
In der ungefähren Mitte des 18. Jahrhunderts begann der allmähliche Zerfall der damaligen islamischen Hochkultur. Es gab verschiedene Gründe hierfür. Ein wichtiger Grund war, dass die Muslime ihr damals gesundes Verhältnis zur Wissenschaft verloren. Sie vergaßen, dass das Studieren und die wissenschaftliche Forschung der Schöpfung eine islamische Verpflichtung darstellt und ein Weg zur Gotteserkenntnis und zur Erkenntnis des Monotheismus ist, da sich die Eigenschaften Gottes in der Schöpfung widerspiegeln.
So gab es im Zeitalter des Kolonialismus zwei destruktive Strömungen in der islamischen Welt. Die eine Strömung waren die Traditionalisten. Diese versuchten, die islamische Identität im Zuge der Kolonialisierung der islamischen Welt zu bewahren, kämpften aber auch gegen wissenschaftliche und technische Erkenntnisse und Fortschritte aus Europa. Die zweite Gruppe waren die Modernisten und Reformer. Diese kämpften für die Etablierung westlicher säkularer Ideen und Ideologien und dachten, nur so könne angeblich technischer und wissenschaftlicher Fortschritt in der islamischen Welt wiedererreicht werden. Beide Strömungen haben erheblichen Schaden verursacht und haben immensen Anteil an dem Niedergang der islamischen Welt. Im Zeitalter der globalen Krisen müssen die Muslime ihr gesundes islamisches Verhältnis zur Wissenschaft wiederherstellen, um als staatliche Einheit Alternativen zur Bewältigung der globalen Krisen zu den gescheiterten säkularen Ideologien der Menschheit anbieten zu können.
Was bleibt
Der Weg dieses Artikels führte von einer Lehre der vier Qualitäten zu einer Wissenschaft mit eigenen Verfahren, eigenen Geräten und einer eigenen Ordnung der Stoffe. Jabir ibn Hayyan legte die erste Klassifikation der Substanzen vor und beschrieb Destillation, Filtration und Kristallisation als wiederholbare Arbeitsschritte; al-Razi ordnete die Mineralien, Vitriole und Salze und schrieb die Geräte und die Rezepturen auf, mit denen er arbeitete; Ibn Sina machte die Destillation durch die Kühlspirale beherrschbar. Aus dieser Arbeit kamen die drei großen Mineralsäuren, das Ethanol, die Seife, das Parfüm, die Zinnglasur der Keramik, das klare Glas, der Teer der Bagdader Straßen sowie das gereinigte Kaliumnitrat.
Was diese Ära von der Alchemie der Antike trennt, ist die Arbeitsweise: gewogen, wiederholt, protokolliert. Genau das meinten die europäischen Gelehrten, die später von den Vätern der Chemie sprachen. Wer heute eine Destillationsapparatur aufbaut, einen Kolben in eine Halterung spannt oder eine Säure verdünnt, steht am Ende einer Kette, an deren Anfang auch die Alchemisten der islamischen Welt stehen.
Quellen
- Islam Wiki: Alchemy and chemistry in medieval Islam.
- FSTC (2006): From Alchemy to Chemistry. Muslim Heritage.
- Wikipedia: Geschichte der Keramik.
- Chemie.de, Lexikon.
