Viele Wissenschaftler vermuten, dass das Benutzen von Heilmitteln gegen Erkrankungen wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit selbst. In der vorislamischen Ära waren im eurasischen Raum vor allem die Perser, Griechen, Inder und später die Römer an der Wissenschaft der Heilmittel interessiert. Meist aber bestanden deren Werke nur aus einer Liste von verschiedenen Pflanzen und Mineralien und deren heilenden Effekten; von der heutigen modernen Pharmazie war diese Wissenschaft noch weit entfernt.
Mit dem Ende der Antike ging im heutigen Europa viel Wissen verloren, durch den Zerfall des weströmischen Reiches und den zunehmenden Machteinfluss der Kirche. Die Wissenschaft der Heilmittel geriet wie auch andere Wissenschaften in Stagnation. Anfang des Mittelalters entstand dagegen mit der Ausdehnung islamischer Kalifate und Sultanate eine Zivilisation, die der Wissenschaft offen gegenüberstand und zugleich einen starken religiösen Eifer besaß zu forschen. Vor allem der Hadith des Propheten (Friede sei auf ihm) „Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne dass er zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ“ war für islamische Wissenschaftler eine große Motivation, im Bereich der Medizin und der Arzneimittelkunde zu forschen.
Was daraus in wenigen Jahrhunderten wurde, zeichnet dieser Artikel nach: von der Giftforschung der Umayyaden über die Labore der Alchemisten und die Übersetzerkreise des neunten Jahrhunderts bis zu einem regulierten Beruf mit Ausbildung, Prüfung und staatlicher Aufsicht, und weiter zu jener Rechenkunst der Dosierung, mit der al-Andalus und Nordafrika die Pharmakologie an ihre damalige Grenze führten.
Gift und Gegengift: die Toxikologie der Umayyaden
Schon ein Jahrhundert nach dem Tod des Propheten Mohammed (Friede sei auf ihm) wurde während der Herrschaft der Umayyaden vor allem im Bereich der Toxikologie geforscht. Untersucht wurde der toxische Effekt von Schlangengiften, Spinnengiften, Skorpiongiften, dem Biss von Hunden sowie den Giften anderer Tierarten auf den menschlichen Körper. Auch die Gifte verschiedener Pflanzen wie vom Eisenhut, von der Alraune oder der Schneerose und die giftige Wirkung einiger Mineralien wurden erforscht und genutzt. Die Grundlage für die Forschung bildeten die Werke von Galen und Dioscorides, welche im Laufe der Zeit stark erweitert wurden. In der Zeit der Umayyaden forschten sehr viele islamische Mediziner und Alchemisten im Bereich der Toxikologie, und die Liste der Gifte und Gegengifte wurde immer weiter erweitert.
Es ist kein Zufall, dass gerade in dieser Zeit so stark zu Giften geforscht wurde: Zur Zeit der Herrschaft der Umayyaden waren in royalen Kreisen Giftmorde sehr weit verbreitet. Gerade aus diesen Gründen investierte der umayyadische Staat viel in die Forschung der Toxikologie. Der erste bekannte Toxikologe war der christliche Arzt Ibn Athal, Leibarzt des ersten umayyadischen Kalifen Muawiya. Als damals bekannter Alchemist war er führend in der systematischen Erforschung von Giften und deren Gegengiften. Die vielen mysteriösen Giftmorde jener Jahre kosteten am Ende auch ihn das Leben: Er wurde aus Rache erschlagen.
Es war aber vor allem Khalid ibn Yazid, der Sohn des zweiten umayyadischen Kalifen Yazid, welcher großes Interesse an der Wissenschaft der Alchemie zeigte. Überlieferungen zufolge beauftragte er zahlreiche griechische Philosophen, die damals in Ägypten lebten, als Übersetzer wissenschaftlicher griechischer und altägyptischer Werke aus den Bereichen Medizin, Chemie sowie Astronomie. In dieser Zeit entwickelte sich die Alchemie, und sie bildet die Wurzel der heutigen Pharmazie, Chemie und Biochemie. Das wissenschaftliche Arbeiten der damaligen Alchemisten ähnelt sehr der heutigen modernen experimentellen Wissenschaft.
Das Material und das Labor der Alchemisten
In ihren experimentellen Prozessen zur Herstellung von Elixieren und Verbindungen benutzten die Alchemisten verschiedene Mineralien und chemische Substanzen: Ammoniaksalze, Vitriole, Schwefel, Arsen, Salz (NaCl), Branntkalk, Malachit, Mangan, Markasit, Natron, Borax sowie Essig. Als pflanzliche Mittel benutzten sie Fenchel, Safran, Rinde vom Granatapfel, Sellerie, Lauch, Sesam, Oliven, Rucola, Senf und Flechte. Als Harze wurden Weihrauch und Akazie benutzt; darüber hinaus benutzte man tierische Produkte wie Tierhaare, Blut, Eiweiß, Milch, Sauermilch, Honig sowie Dünger.
Die Laborausrüstung der Alchemisten glich schon sehr stark der Laborausrüstung moderner Labore. So benutzten die Alchemisten Gläser, Pfannen, Tuben, Retorte, Destillierkolben, Schmelztöpfe, diverse Destillationsapparate, Abdeckplatten, Keramikgläser, Becher, Mörser und Stößel, Waage sowie medizinische Becher. Damit führten sie chemische Prozesse durch wie Destillation, Sublimation, Verdunstung, Pulverisierung und Reinigungsprozesse. Während daneben auch Werke in den Bereichen Magie und Astrologie verfasst wurden, erreichte die rational-wissenschaftliche Alchemie ihren Höhepunkt mit den Werken al-Razis. Seine Werke hatten auch viel größere Einflüsse auf die weitere Entwicklung der Alchemie und waren relevanter für die Entwicklung der modernen Pharmazie und Pharmakologie.
Das neunte Jahrhundert und die Übersetzer
Das neunte Jahrhundert war quasi das Jahrhundert der Entwicklung der modernen Pharmazie in der islamischen Welt. Grund für die frühe Entwicklung waren auf der einen Seite eine hohe Nachfrage und ein großes Interesse der Bevölkerung an Arzneimitteln, auf der anderen Seite eine Zivilisation, die großes Interesse an Wissenschaft und Forschung zeigte. Während der Zeit der Umayyaden begann das Übersetzen wissenschaftlicher Werke ins Arabische; mit der Herrschaft der Abbasiden fand die Übersetzungsarbeit ihren Höhepunkt.
Einer der bekanntesten Übersetzer dieser Zeit war Hunayn ibn Ishaq. Er war der syrischen, der griechischen und der arabischen Sprache mächtig und übersetzte viele Werke griechischer Wissenschaftler und Philosophen ins Arabische, vor allem viele Werke von Hippokrates und Galen. Nach seinem Tod wurde seine Arbeit durch seinen Schüler und Neffen Hubaysh fortgeführt. Weitere wichtige Übersetzer waren Thabit ibn Qurra, welcher neben vielen medizinischen Werken auch Werke der Astronomie und der Philosophie ins Arabische übertrug, ferner Qusta ibn Luqa und Mankah al-Hindi, welcher viele medizinische Werke aus dem Sanskrit ins Arabische übersetzte.
Ein eigenes Fach: die Saydanah
Unter der abbasidischen Herrschaft entwickelte sich die Pharmazie zunehmend als eigenständiges Fach separat von der Medizin. Insbesondere die Bagdader Schulen waren in den nächsten 400 Jahren führend im Bereich der Pharmazie. Hauptbestandteil der damaligen Pharmazie war die Herstellung von Arzneimitteln mittels Destillation, Kristallisierung, Gemischen, Sublimation, Reduktion und Kalzinierung. Mithilfe dieser Techniken konnten die damaligen Pharmazeuten (Saydalanis) neue Rohstoffe zur Herstellung von Arzneimitteln benutzen: Kampfer, Senna, Sandelholz, Rhabarber, Moschus, Myrrhe, Kassia, Tamarinde, Muskatnuss, Alaun, Aloe, Nelken, Kokosnuss, Brechnussbaum, Kubeben-Pfeffer, Eisenhut, Ambra sowie Quecksilber. Sie benutzten darüber hinaus Hanf und Bilsenkraut als Anästhetikum und stellten Arzneimittel in Form von Salben, Pillen, Elixieren, Inhalationen, Tinkturen sowie Zäpfchen her.
Viele muslimische Ärzte wie al-Majusi, al-Zahrawi und Ibn Sina stellten die Medikamente ihrer Patienten allerdings auch selbst her. Trotz dessen entwickelte sich die Pharmazie (Saydanah) zu einer eigenständigen, sehr wichtigen Wissenschaft der damaligen Zeit; die Trennung der Pharmazie von der Medizin erfolgte in der goldenen Ära des Islams.
Die Apotheke unter Aufsicht
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts nahm die Zahl privater Apotheken in Bagdad (der damaligen Hochburg der Wissenschaft) stark zu und verbreitete sich von dort auch in andere Städte der islamischen Welt. Diese privat betriebenen Apotheken waren zu Beginn noch unreguliert und wurden teils von nicht qualifiziertem Personal betrieben. Doch diese Umstände änderten sich: Unter der Herrschaft der abbasidischen Kalifen kam es zu einer zunehmenden Regulierung und Professionalisierung der Pharmazie.
So wurden Pharmaziestudenten täglich in Form von Unterrichtseinheiten in theoretischem Wissen ausgebildet wie auch in Form von experimentellen Arbeiten in praktischem Wissen. Der Wissenschaftler und Universalgelehrte Abu ar-Rayhan al-Biruni beschrieb in seinem Buch „Kitab as-Saydana fi at-Tibb“ (Buch der Arzneimittelkunde in der Medizin) die Rolle des Pharmazeuten als jemanden, der sich im Sammeln von Arzneimitteln spezialisiert hat, der die (für die jeweilige Krankheit) wirksamste als einfache Arznei oder als Gemisch mit anderen Arzneien aussucht und der sich in der Herstellung von Heilmitteln nach den gewährten Techniken der Heilkunst spezialisiert hat. Diese Definition eines Pharmazeuten trifft auf die Rolle des heutigen modernen Pharmazeuten zu.
Unter den abbasidischen Kalifen al-Ma’mun und al-Mu’tasim mussten Pharmazeuten Examina bestehen, um als lizenzierte Pharmazeuten arbeiten zu dürfen, und sie mussten sich bei der Verabreichung von Heilmitteln an ärztliche Rezepte halten. Einige wissenschaftliche Gelehrte wie al-Biruni waren allerdings der Meinung, dass Pharmazeuten verschriebene Heilmittel auch selbstständig durch andere ersetzen sollten, wenn dies pharmakologisch sinnvoller wäre.
Ärzten selbst war es verboten, eine Apotheke zu führen oder Anteile einer Apotheke zu besitzen. Die Pharmazeuten und ihre Apotheken wurden von Regierungsinspektoren kontrolliert, den sogenannten Muhtasib. Sie kontrollierten, dass die Arzneimittel richtig gemischt und nicht aus Kostengründen verdünnt wurden und dass die Medikamentenbehälter sauber geführt wurden, ebenso die Hygienebedingungen der Apotheke selbst. Ein Verstoß gegen die Verordnungen wurde hart mit körperlicher Züchtigung bestraft.
Krankenhäuser besaßen zu der Zeit ihre eigenen Apotheken, welche Arzneimittel in einer großen Menge herstellen konnten. Geführt wurden die Krankenhäuser von einem dreiköpfigen Führungspersonal: einem nicht-medizinischen Administrator, einem ärztlich-medizinischen Leiter (Mutwalli) und einem Sheikh Saydalani (dem pharmazeutischen Leiter), welcher die Apotheke des Krankenhauses kontrollierte.
Die ersten Handbücher
Ab dem 9. Jahrhundert entwickelte sich allmählich eine eigenständige pharmazeutische Literatur. Ein wichtiger Autor war zum Beispiel der Arzt und Pharmazeut Yuhanna ibn Masawayh (ca. 777–857), welcher sich vor allem auf Heilpflanzen spezialisierte. In seinen Werken listete er Arzneimittel auf und beschrieb deren Herstellung, Verwendung sowie deren pharmakologische Effekte. Ebenso empfahl er das Benutzen von Heilpflanzen, um die körpereigene Abwehr gegen Erkrankungen zu stärken.
Sein jüngerer Kollege Ali ibn Sahl Rabban al-Tabari warnte in seinen Werken Ärzte davor, beim Benutzen von Heilmitteln in eine Routine überzugehen; sie sollten den Nutzen des jeweiligen Heilmittels in Bezug auf die spezifische Erkrankung abwägen. Er identifizierte zudem die besten Rohstoffe zur Herstellung von Heilmitteln. So beschrieb er bspw., dass das beste schwarze Myrobalan aus Kabul kommt, die beste Aloe aus Sokotra und die aromatischsten Gewürze vom indischen Subkontinent. Er empfahl in seinen Werken u. a. das Benutzen von Glas- oder Keramikgefäßen für flüssige Heilmittel und spezielle kleine Gläser für Augensalben. Beim Behandeln von ulzerierten Wunden empfahl er eine Salbe bestehend aus Wacholdergummi, Fett, Butter und Pech. Er warnte in seinen Werken zudem, dass ein Mithqal (umgerechnet ungefähr vier Gramm) Opium oder Hanf in der Anästhesie sowohl zum Schlaf als auch schon zum Tod führen kann.
Das erste richtige pharmazeutische Handbuch für den praktischen Arbeitsalltag in der privaten Apotheke wie in den Krankenhausapotheken war das Aqrabadhin (Arzneibuch) von Sabur ibn Sahl, verfasst im 9. Jahrhundert. In seinem Handbuch standen tabellarisch die Herstellung der jeweiligen Heilmittel, deren pharmakologische Wirkung und die jeweilige Dosis. Die Heilmittel waren in den Tabellen nach ihrer Art der Beschaffenheit geordnet: Tabletten, Puder, Salben, Latwerge oder Sirup.
Neben diesen frühen pharmazeutischen Werken schrieben sehr viele Ärzte Werke über das praktische Anwenden von Heilmitteln. Die medizinischen Enzyklopädien der damaligen Zeit hatten meist ein Kapitel über einfache Heilmittel (bspw. einfache Heilkräuter) und ein Kapitel über komplexe Heilmittel (Verbindungen, die aus verschiedenen Rohstoffen hergestellt wurden). Al-Razi beschrieb bspw. in seinem al-Hawi 829 verschiedene Heilmittel. Einfache Heilmittel wurden als mufradat bezeichnet, komplexe Verbindungen aus verschiedenen Heilmitteln als murakkabat.
Das bekannteste Werk im Bereich Materia Medica (heilende Substanzen) schrieb Ibn al-Baytar. Er wurde Ende des 12. Jahrhunderts in Malaga im damaligen Almohadenreich geboren und war im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts leitender Botaniker in Kairo. In seinem Werk Kitab al-Jami li-mufradat al-adwiya wa-l-aghdhiya (Sammlung der einfachen Arzneien und Nahrungsmittel) beschrieb er in alphabetischer Reihenfolge 1400 Heilmittel, teils aus eigener Forschung und aus 150 von ihm angegebenen Quellen.
Pharmakologie in der islamischen Blütezeit
Einer der wichtigsten islamischen Mediziner im Feld der Pharmakologie war Ibn Sina (Avicenna). Er beschrieb um die 760 Heilmittel und deren klinischen Nutzen und Anwendung. Zwei der fünf Bücher seines Werkes „Kanon der Medizin“ beschäftigen sich mit der Pharmakologie, und die von ihm beschriebenen Prinzipien bilden bis heute die wichtigste Basis für die klinische Anwendung von Medikamenten:
- Das Medikament muss rein sein und darf keine zufälligen Verunreinigungen enthalten.
- Es darf nur zur Behandlung einer Erkrankung und nicht bei einem Krankheitssyndrom angewendet werden.
- Das Medikament muss seine Wirksamkeit bei zwei unterschiedlichen Erkrankungen erweisen, denn manchmal ist ein Medikament tatsächlich wirksam, manchmal war die Heilung nur dem Zufall zu verdanken.
- Die Qualität des Medikaments muss der Stärke der Krankheit entsprechen. Zum Beispiel bewirkten manche Arzneimittel Hitze, während die Krankheit durch Kälte gekennzeichnet sei, so dass das Heilmittel wirkungslos bleibe.
- Die Zeit bis zum Eintritt der Wirkung muss genau beobachtet werden, um nicht eine echte Wirksamkeit mit einem Zufall zu verwechseln.
- Die Wirksamkeit eines Medikaments muss sich zuverlässig und in verschiedenen Krankheitsfällen einstellen, sonst müsste man auch mit einem Zufallseffekt rechnen.
- Die Prüfung der Wirksamkeit muss am Menschen erfolgen, denn wenn man Arzneien am Löwen oder Pferd erprobe, könne man daraus keine Rückschlüsse auf die Wirkung beim Menschen ziehen.
In seinem zweiten Buch des Kanons der Medizin beschreibt Ibn Sina aus Pflanzen, Mineralien und Tieren gewonnene Arzneien und deren Wirkprinzipien. Er beschreibt, dass man die Wirkungskräfte der Arzneien durch logisches Denken herleiten und ebenso durch experimentelle Proben erkennen kann.
Abu al-Salt und die Rechenkunst der Dosierung
Neben Ibn Sina war der andalusische Wissenschaftler Abu al-Salt führend im Bereich der Pharmakologie. Er entwickelte Ansätze für pharmakologische Berechnungen; seine Werke beschreiben die Anwendung einfacher Heilmittel ebenso wie die Herstellung komplexer Arzneien für Ärzte. Er gab mehrere Gründe an, Verbindungen aus verschiedenen Arzneien zu benutzen: Die Arzneien können ihre Wirkungskräfte gegenseitig verstärken, eine Arznei kann die Nebenwirkung einer anderen Arznei reduzieren, oder eine Arznei kann helfen, die Aufnahme der anderen Arznei im Körper zu vereinfachen. Viele dieser Annahmen stammen aus der griechisch-galenischen Pharmakologie.
Ähnlich wie Ibn Sina beschreibt auch Abu al-Salt, dass Arzneien bestimmte Qualitäten besitzen, welche den krankheitserzeugenden Primärqualitäten des Körpers entgegengesetzt sind. Grob gibt es vier Qualitäten: kalt, warm, trocken oder feucht. Laut Abu al-Salt können diese Qualitäten im Falle einer Erkrankung in vier Intensitätsgraden vorliegen, und die gegen die Erkrankung wirksamen Arzneien müssen die entgegengesetzte Qualität in derselben Intensität besitzen. Hat bspw. ein Patient Kopfschmerzen und haben diese Kopfschmerzen die Qualität von Hitze mit einer Intensität von 2, so muss man eine Arznei mit der Qualität von Kälte mit einer Intensität von 2 finden. Steht keine solche Arznei zur Verfügung, so muss man bspw. eine Arznei mit der Qualität von Kälte mit der Intensität von 1 und eine mit der Intensität von 3 im Verhältnis 50 % zu 50 % mischen.
Allgemein formulierte Abu al-Salt, dass die Dosis der Gesamt-Arzneiverbindung von der Anzahl ihrer Inhaltsstoffe abhängig ist. Nimmt man bspw. zwei Dirham (1 Dirham waren ungefähr 3,125 g) Aloe, zwei Dirham Blätterpilze, 1/3 Dirham Koloquinte und 1/2 Dirham Purgierwinde, so ergibt die Summe aus allen 5 1/6 Dirham. Da die Arzneiverbindung aus vier Inhaltsstoffen besteht, ist die therapeutische Dosis der Verbindung ein Viertel der Menge der Gesamtsumme, in diesem Fall wäre es 1 1/3 Dirham.
In seinen pharmakologischen Werken ordnete Abu al-Salt die Arzneien nicht einfach nach alphabetischer Reihenfolge, so wie Galen und viele nachfolgende islamische Pharmazeuten und Mediziner es getan haben, sondern nach ihren Effekten. Er beschreibt in seinem Werk erst die Arzneien, die Einfluss auf die Körperflüssigkeiten haben, dann jene, die auf den ganzen Körper wirken, darauffolgend die Arzneien, die auf bestimmte anatomische Bereiche des Körpers wirken (Muskeln, Nerven, Venen, Arterien), und am Ende listete er die Arzneien auf, die gegen Krankheiten wirken, welche nur ein spezifisches Organ betreffen. Aufgrund seiner Kriterien waren viele Arzneien mehrfach in seinem Werk gelistet. Insgesamt beschreibt Abu al-Salt in seinen Werken um die 420 Substanzen, die meisten davon Heilpflanzen, daneben Mineralien und Heilmittel tierischer Herkunft.
Auch andere Autoren in der islamischen Welt arbeiteten an dieser Rechenkunst. Der Philosoph und Wissenschaftler al-Kindi in Bagdad schrieb im 9. Jahrhundert Werke, welche mathematische Rechenregeln für die Herstellung von Arzneien beschreiben. Diese wurden im 12. Jahrhundert vom andalusischen Arzt und Philosophen Ibn Ruschd (Averroes) weiterentwickelt. In seinem Werk Maqala fi at-Tiryaq (Abhandlung über den Theriak) befasst er sich intensiv mit der Berechnung von Dosierungen von Arzneien; sein Werk war die Grundlage für die komplex quantifizierende Pharmazie. Grob kann man zusammenfassend sagen, dass vor allem al-Andalus und Nordafrika Schwerpunkte für die Entwicklung pharmakologischer Berechnung und Dosierung im goldenen Zeitalter des Islams waren.
Arabische Spuren in der europäischen Sprache
Wie weit diese Epoche in die europäischen Sprachen hineinreicht, lässt sich an einer Reihe von Lehnwörtern aus den Bereichen Pharmazie und Chemie ablesen:
- Al-kimiyah: Alchemie, Chemie
- Al-kuhl: Alkohol
- Al-ambiq: alembic (englisch), Destillierkolben
- al-qali: Alkali
- Scharab: Sirup
- Al-iksir: Elixier
- Al-ithmid: Antimon
- Haschisch: Haschisch
- Lazuward: Azur
- Tamr Hindi: Tamarinde
- Scharba: Sorbet
Wieder die Apotheke der Welt?
Diese kurze Zusammenfassung der Wurzeln der modernen Pharmazie im goldenen Zeitalter der islamischen Welt soll den Muslimen als nostalgische Rückerinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit dienen und darüber hinaus als Motivation, wieder führend im Bereich der Naturwissenschaft und Technik zu sein. In der heutigen Zeit sieht man zunehmend Menschen, die der modernen Pharmazie kritisch gegenüberstehen, aufgrund des profitorientierten Arbeitens pharmazeutischer Unternehmen im kapitalistischen System. Als Muslime ist es in diesem Fall wichtig, die Schwächen des kapitalistischen Systems zu entlarven; langfristig aber ist es wichtig, die Pharmaforschung und die Produktion der Arzneien mit den korrekten islamisch-politischen Rahmenbedingungen wieder zu dominieren (quasi wieder die Apotheke der Welt zu werden).
Was bleibt
Die hier zusammengetragenen Beispiele sind nur ein grober Überblick über die Anfänge der Pharmazie in der islamischen Welt, und doch zeichnen sie eine klare Linie. Aus der Giftkunde der umayyadischen Höfe und aus den Werkstätten der Alchemisten wurde binnen weniger Generationen ein Fach mit eigenem Namen, eigener Literatur und eigenen Regeln. Im neunten Jahrhundert lernten Pharmaziestudenten in Bagdad theoretisch wie praktisch, legten Examina ab und arbeiteten unter staatlicher Aufsicht; ihre Handbücher ordneten die Heilmittel nach Herstellung, Wirkung sowie Dosis.
Vieles davon ist im heutigen Apothekenalltag noch zu erkennen: die Trennung von ärztlicher Verordnung und pharmazeutischer Herstellung, die Kontrolle der Qualität durch eine unabhängige Instanz, die Forderung, ein Mittel am Menschen zu prüfen statt am Tier, und die Berechnung einer Dosis statt der bloßen Auflistung von Kräutern. Wer heute ein Rezept einlöst, steht am Ende einer Kette, an deren Anfang auch die Saydalanis von Bagdad stehen.
Quellen
- Danielle Jacquart (2008): Islamic Pharmacology in the Middle Ages. Theories and Substances.
- David W. Tschanz: Medieval Islamic Pharmacy. Aspetar Sports Medicine Journal, USA.
- David W. Tschanz (2020): The Islamic Roots of Modern Pharmacy. Muslim Heritage.
- Seyyed Alireza Golshani, Babak Daneshfard, Ghazaleh Mosleh, Alireza Salehi: Drugs and Pharmacology in the Islamic Middle Era.
