Das Krankenhaus ist eine Institution, die eine medizinische und zugleich eine soziale Funktion hat. Heutzutage betrachten wir Krankenhäuser als selbstverständlich, in der Hoffnung, sie selten zu benötigen, und sind dennoch dankbar, dass es sie gibt. Fast überall auf der Welt erwarten die Menschen, dass ein Krankenhaus ein Ort ist, an dem wir Linderung von Schmerzen erhalten und Hilfe zur Heilung in Zeiten von Krankheit oder Unfällen finden.
Vielen Menschen (auch Muslimen selbst) ist nicht bewusst, dass die medizinischen und sozialen Wurzeln moderner Krankenhäuser während des goldenen wissenschaftlichen Zeitalters des Islams entwickelt wurden. Muslimische Mediziner und Wissenschaftler übersetzten in der damaligen Zeit alte wissenschaftliche und medizinische Texte verschiedener alter Kulturen (Römer, Griechen, Perser, Inder usw.), verknüpften sie miteinander und entwickelten sie immer weiter. Ihr Bimaristan (Zufluchtsort der Kranken) war der wahre Vorläufer des modernen Krankenhauses und darüber hinaus praktisch ein Multi-Service-Gesundheitszentrum sowie ein medizinisches Bildungszentrum. Es diente abwechselnd als Behandlungszentrum, als Erholungsheim für Patienten nach schwerer Krankheit oder Unfällen und als Altersheim, das alten und kranken Menschen ohne Angehörige die Basisversorgung sicherte.
An den damaligen größeren Krankenhäusern waren, ähnlich wie heute an den Unikliniken, medizinische Schulen und Bibliotheken angeschlossen, in denen erfahrene Ärzte den Studenten beibrachten, ihr theoretisches medizinisches Wissen direkt bei Patienten anzuwenden. Die Krankenhäuser nahmen den Studenten Prüfungen ab und stellten Diplome aus. Die damaligen Bimaristans widmeten sich somit der Förderung der Gesundheit, der Heilung von Krankheiten sowie der Erweiterung und Verbreitung von medizinischem Wissen. Wie aus einem Zelt am Rand eines Schlachtfeldes eine solche Einrichtung wurde, welche Regeln in ihr galten und was von ihr geblieben ist, zeichnet dieser Artikel nach.
Was das Bimaristan von seinen Vorläufern unterschied
In der Antike gab es Vorläufer von Krankenhäusern. Diese waren meist einfache Orte für kranke Menschen ohne professionelle Organisation und Versorgungsstruktur. Innovationen und Verbesserungen entwickelten sich während der hellenistischen Periode; trotz dieser Verbesserungen blieben die Krankenhäuser Einrichtungen, welche größtenteils als Aufbewahrungsorte für Kranke dienten. Im frühen mittelalterlichen Europa herrschte die Überzeugung vor, dass die Ursache von Krankheiten übernatürlich und daher nicht durch menschliches Eingreifen kontrollierbar sei. Als Folge waren Krankenhäuser dort kaum mehr als Hospize, in denen Patienten von Mönchen betreut wurden, die sich um die Rettung der Seele bemühten, ohne sich sehr um die Heilung des Körpers zu kümmern.
Muslimische Ärzte dagegen verfolgten einen völlig anderen Ansatz. Geleitet von Aussprüchen des Propheten Muhammad (Friede sei auf ihm) wie „Allah lässt keine Krankheit aufkommen, ohne dass er auch eine Heilung dafür schafft“ und „Allah hat die Krankheit und die Heilung herabgesandt und er hat für jede Krankheit eine Heilung bestimmt, also behandelt euch medizinisch“, waren sie bemüht, die Gesundheit durch rationelle und empirische Mittel wiederherzustellen. Der Prophet Muhammad (Friede sei auf ihm) arbeitete an einem Gesundheitssystem, in dem allen Menschen unabhängig von ihrer Religion kostenlose Gesundheitsversorgung geboten wurde. Diese Vision begann realisiert zu werden, als der ägyptische Statthalter der Byzantiner Muqawqis einen Arzt zum Propheten (Friede sei auf ihm) nach Medina schickte; der Prophet wies den Arzt an, die Patienten unentgeltlich zu behandeln. Muslime, die nach spiritueller Belohnung strebten, waren motiviert altruistisch zu handeln, anstatt sich hauptsächlich auf den materiellen Gewinn für ihre medizinischen Dienstleistungen zu konzentrieren.
Auch das Krankenhausdesign war in der damaligen islamischen Welt bis ins Detail gut durchdacht. Im damaligen Europa wurden Betten und Räume für Kranke so angeordnet, dass die Patienten die tägliche Messe beobachten konnten; schlicht (wenn überhaupt) dekoriert, waren die Räume oft düster und aufgrund von Klima und Architektur oft auch feucht. In den islamischen Städten, die größtenteils von trockeneren, wärmeren Klimazonen profitierten, wurden Krankenhäuser dagegen so eingerichtet, dass der Lichteinfall und die Luftzirkulation gefördert wurden. Das hatte einen wichtigen positiven (vor allem seelischen) Effekt auf die Behandlung.
Mobile Krankenhäuser
Die ersten medizinischen Behandlungszentren zur Zeit des Propheten Mohammed (Friede sei auf ihm) waren in Zelten organisiert. Vor allem in der Zeit der Grabenschlacht waren sie von großer Bedeutung: Verwundete wurden in einem separaten Zelt behandelt, das eigens für sie errichtet wurde. Spätere Herrscher entwickelten diese mobilen Vorläufer zu echten „reisenden Kliniken“, welche komplett mit Medikamenten, Essen, Trinken, Kleidung, Ärzten sowie Apothekern ausgestattet waren. Ihre Mission war es, den Bedürfnissen abgelegener Gemeinschaften gerecht zu werden, die weit von den großen Städten und permanenten medizinischen Einrichtungen lebten; sie versorgten aber auch die Herrscher selbst als mobile Gesundheitseinrichtung. Bis zum frühen 12. Jahrhundert, unter der Regentschaft des Seldschuken-Sultans Muhammad Tapar (in den Quellen auch Muhammad Saljuqi), war das mobile Krankenhaus so umfangreich geworden, dass es 40 Kamele brauchte, um es zu transportieren.
Von Damaskus nach Bagdad
Das erste muslimische Krankenhaus war nur ein Leprasanatorium, das im frühen achten Jahrhundert in Damaskus unter dem Umayyaden-Kalifen al-Walid ibn Abd al-Malik errichtet wurde. Die dort arbeitenden Ärzte wurden mit großen Grundstücken und großzügigen Gehältern entschädigt. Die Patienten waren isoliert, denn Lepra galt als ansteckend; wie die Blinden erhielten sie aber vom islamischen Kalifatstaat finanzielle Unterstützung, die dazu beitrug, ihre Familien zu versorgen.
Das früheste dokumentierte Krankenhaus in einem islamischen Kalifatstaat wurde rund ein Jahrhundert später, im Jahr 805, in Bagdad erbaut, und zwar vom Wesir des Kalifen Harun al-Rashid. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere 34 Krankenhäuser in der gesamten islamischen Welt, und die Anzahl nahm jedes Jahr weiter zu. Es entstanden Krankenhäuser bspw. in Kairouan (im heutigen Tunesien), in Mekka, in Medina oder in der persischen Stadt Rayy. Im 10. Jahrhundert wurden in Bagdad fünf weitere Krankenhäuser gebaut.
Eines der frühesten dieser Häuser wurde Ende des neunten Jahrhunderts vom abbasidischen Kalifen al-Mu’tadid gegründet. Er beauftragte den berühmten persischen Mediziner und Universalgelehrten al-Razi damit, den Bau und den Betrieb des Krankenhauses zu überwachen. Zunächst bestimmte al-Razi den geeignetsten Ort in der Stadt für den Bau der Klinik: Er ließ Stücke frischen Fleisches in verschiedenen Vierteln der Stadt platzieren und überprüfte später, welches Fleischstück am wenigsten verrottet war. An diesem Ort ließ er das Krankenhaus errichten. Als es eröffnet wurde, hatte die Klinik 25 Ärzte; darunter befanden sich Augenärzte, Chirurgen sowie Traumatologen. Im Laufe der Zeit wuchs die Anzahl der Ärzte ebenso wie die ihrer Fachgebiete. Das Krankenhaus wurde 1258 von den Mongolen zerstört.
Ein Krankenhaus für die Gefangenen
Auf Initiative des Wesirs Ali ibn Isa wurde Anfang des 10. Jahrhunderts ein separates Krankenhaus für Strafgefangene errichtet. Er schrieb sinngemäß an den leitenden Mediziner von Bagdad: „Ich mache mir große Sorgen um die Gefangenen. Ihre große Anzahl und die Zustände in den Gefängnissen machen es sicher, dass viele von ihnen krank sind. Daher bin ich der Meinung, dass sie ihre eigenen Ärzte haben sollten, die sie täglich untersuchen und ihnen (falls nötig) Medikamente und Dekokte geben sollten. Diese Ärzte sollten alle Gefängnisse besuchen und die kranken Gefangenen dort behandeln.“ Kurz darauf wurde ein separates Krankenhaus für Strafgefangene gebaut, das vollständig mit eigenem Personal und eigenen Vorräten ausgestattet war.
Kairo, Damaskus und Córdoba
In Ägypten wurde das erste Krankenhaus im Jahr 872 im südwestlichen Viertel von Fustat (heute Teil von Alt-Kairo) vom ägyptischen Abbasiden-Gouverneur Ahmad ibn Tulun errichtet. Es ist die erste dokumentierte Einrichtung, die auch für geistige Erkrankungen sorgte. Im 12. Jahrhundert gründete Sultan Saladin in Kairo das Nasiri-Krankenhaus, das später in Größe und Bedeutung vom Mansuri-Krankenhaus übertroffen wurde, welches 1284 fertiggestellt wurde. Es blieb bis zum 15. Jahrhundert das wichtigste medizinische Zentrum in Kairo; heutzutage wird es (inzwischen umbenannt in Qalawun-Krankenhaus) für die augenärztliche Versorgung genutzt.
In Damaskus war das Nuri-Krankenhaus führend, von seiner Gründung Mitte des 12. Jahrhunderts bis weit ins 15. Jahrhundert hinein. In dieser Zeitspanne existierten fünf weitere Krankenhäuser in Damaskus. Auf der Iberischen Halbinsel hatte allein Córdoba 50 große Krankenhäuser. Einige waren ausschließlich für das Militär bestimmt, wo die dortigen Ärzte sich um die Kalifen, Militärkommandanten sowie Adligen kümmerten.
Organisation der Kliniken in den islamischen Kalifatstaaten
Das damalige typische islamische Krankenhaus war in verschiedene medizinische Abteilungen unterteilt, etwa für Systemerkrankungen, Chirurgie, Augenheilkunde, Orthopädie sowie psychische Erkrankungen. Die Abteilung für Systemerkrankungen entsprach ungefähr der heutigen Abteilung für Innere Medizin und war in der Regel weiter unterteilt in Abschnitte, die sich mit Fiebern, Verdauungsstörungen, Infektionen sowie anderen Spezialisierungen befassten. Größere Krankenhäuser hatten mehr Abteilungen und verschiedene Subspezialitäten, und jede Abteilung hatte einen verantwortlichen Offizier und einen leitenden Arzt zusätzlich zu einem Fachspezialisten.
Die Krankenhäuser waren auch mit einem Hygieneinspektor besetzt, der für die Sicherstellung von Sauberkeit und hygienischen Praktiken verantwortlich war. Darüber hinaus gab es Buchhalter und anderes Verwaltungspersonal, um sicherzustellen, dass die Krankenhausbedingungen (finanziell wie anderweitig) den Standards entsprachen. Es gab einen Superintendenten, der als sa’ur bezeichnet wurde und für die Überwachung der gesamten Einrichtung zuständig war. Ärzte arbeiteten zu festen Zeiten in den Krankenhäusern, während derer sie die Patienten behandelten, die zu ihren Abteilungen kamen. Jedes Krankenhaus hatte sein eigenes Team von zugelassenen Apothekern (saydalani) und Krankenschwestern. Die Gehälter des medizinischen Personals wurden gesetzlich festgelegt, und die Entschädigung wurde in einem großzügigen Maßstab verteilt, um Talente anzulocken.
Waqf: woher das Geld kam
Die Finanzierung der islamischen Krankenhäuser stammte aus den Einnahmen von frommen Stiftungen, den sogenannten Waqfs. Wohlhabende Männer und Herrscher spendeten Eigentum an bestehende oder neu gebaute Bimaristans als Stiftungen, und die Einnahmen aus den Stiftungen wurden für Bau und Instandhaltung der Krankenhäuser genutzt. Um die Kosten zu decken, konnten solche Einnahmen aus einer beliebigen Mischung von auf dem Grundstück betriebenen Geschäften, Mühlen, Karawansereien oder sogar ganzen Dörfern stammen. Die Einnahmen aus einer Stiftung deckten manchmal auch eine kleine Zulage für den Patienten bei der Entlassung ab. Ein Teil des Staatsbudgets wurde ebenfalls für die Instandhaltung von Krankenhäusern genutzt. Für Patienten waren die Leistungen des Krankenhauses kostenlos, obwohl einzelne Ärzte gelegentlich Gebühren erhoben.
Aufnahme, Hygiene und Entlassung
Die Krankenhäuser waren für die Patientenversorgung rund um die Uhr für jeden offen. Einige Ärzte behandelten ausschließlich Männer, während einige Ärztinnen nur Frauen behandelten; wieder andere kümmerten sich in getrennten Stationen um beide Geschlechter. Zur Behandlung weniger schwerwiegender Fälle waren Ärzte in Ambulanzen tätig und verschrieben Medikamente zur Einnahme zu Hause.
Es wurden besondere Maßnahmen ergriffen, um Infektionen zu verhindern. Stationäre Patienten erhielten Krankenhauskleidung aus einem zentralen Versorgungsbereich, während ihre eigenen Kleider im Krankenhauslager aufbewahrt wurden. Bei der Aufnahme auf die Krankenhausstation fanden die Patienten Betten mit sauberen Laken und speziell gefüllten Matratzen vor. Die Krankenhauszimmer und -stationen waren ordentlich und sauber, mit reichlich fließendem Wasser und Sonnenlicht. Inspektoren bewerteten die Sauberkeit des Krankenhauses und der Zimmer täglich. Es war nicht ungewöhnlich, dass lokale Herrscher persönliche Besuche machten, um sicherzustellen, dass die Patienten die bestmögliche Versorgung erhielten.
Die von den Ärzten verordnete Behandlung begann sofort nach der Ankunft. Die Patienten erhielten eine feste Diät abhängig von ihrem Zustand und ihrer Krankheit. Die Nahrungsmittel waren von hoher Qualität und umfassten Huhn und anderes Geflügel, Rind- sowie Lammfleisch, dazu frisches Obst und Gemüse. Das Hauptkriterium der Genesung war, dass die Patienten in der Lage sein sollten, die Menge Brot zu sich zu nehmen, die ein gesunder Mensch isst, zusammen mit dem gerösteten Fleisch eines ganzen Vogels. Wenn die Patienten es leicht verdauen konnten, galten sie als geheilt und wurden anschließend entlassen. Patienten, die geheilt, aber noch zu schwach waren, um entlassen zu werden, wurden in die Rekonvaleszenzstation verlegt, bis sie stark genug waren. Bedürftigen Patienten wurden neue Kleider und eine kleine Summe Geld gegeben, um ihnen bei der Wiedereingliederung in ihr Leben zu helfen.
Menschlichkeit als Standard
Die Menschlichkeit in der Pflege zeichnete die muslimischen Krankenhäuser besonders aus. Nahe den Stationen von Fieberkranken kühlten Springbrunnen die Luft. Geisteskranke wurden sanft behandelt, und nachts beruhigten Musik und Geschichtenerzählen die Patienten.
Der arabische Arzt, Universalgelehrte und Reisende Abd al-Latif al-Baghdadi (er lebte im 13. Jahrhundert und lehrte auch in Damaskus) erzählte eine amüsante Geschichte von einem klugen persischen Jugendlichen, der von dem ausgezeichneten Essen und Service des Nuri-Krankenhauses so angetan war, dass er eine Krankheit vortäuschte. Der Arzt, der ihn untersuchte, durchschaute jedoch, was der junge Mann vorhatte, und ließ ihn dennoch ein. Er versorgte ihn drei Tage lang mit feinem Essen. Am vierten Tag ging der Arzt zu seinem Patienten und sagte mit einem wissenden Lächeln: „Die traditionelle arabische Gastfreundschaft dauert drei Tage: Bitte gehen Sie jetzt nach Hause!“
Wenn der Patient starb
Die Qualität der medizinischen Versorgung wurde überprüft und sogar Schiedsverfahren unterzogen. Ibn al-Ukhuwwa berichtete darüber in seinem Buch „Ma’alim al-qurba fi ahkam al-hisba“, dass der Arzt bezahlt wurde, wenn der Patient geheilt wurde. Verstarb der Patient dagegen, dann gingen die Eltern oder Verwandten zum Chefarzt und zeigten ihm die vom Arzt ausgestellten Rezepte vor. Wenn der Chefarzt urteilte, dass der Arzt seine Arbeit perfekt und ohne Fahrlässigkeit ausgeführt hatte, wurde der Tod als natürlich gewertet. Urteilte er dagegen, dass der Patient durch Fahrlässigkeit und schlechte Leistung verstarb, so konnten die Verwandten Blutgeld vom Arzt anfordern. Auf diese Weise konnte sichergestellt werden, dass die Medizin von erfahrenen und gut ausgebildeten Personen praktiziert wurde.
Akutversorgung an der Moschee
Neben den Krankenhäusern gab es in größeren Städten auch Akutversorgungszentren. Diese befanden sich typischerweise an belebten öffentlichen Orten wie großen Moscheen. Der arabische Historiker und Schriftsteller al-Maqrizi beschrieb eines in Kairo: Als Ibn Tulun seine weltberühmte Moschee in Ägypten baute, gab es an einem Ende einen Platz für rituelle Waschungen und auch eine Apotheke als Anhang. Die Apotheke war gut ausgestattet mit Medikamenten und Mitarbeitern. Freitags war dort immer ein Arzt im Dienst, damit er sofort auf Verletzte bei der großen Menschenansammlung reagieren konnte.
Medizinische Schulen und Bibliotheken
Da eine der Hauptaufgaben der Krankenhäuser die Ausbildung von Ärzten war, verfügte jedes Krankenhaus über einen großen Hörsaal, in dem Studierende zusammen mit leitenden Ärzten und medizinischen Beamten medizinische Probleme im Seminarstil diskutierten. Im Laufe der Ausbildung begleiteten die medizinischen Studenten leitende Ärzte auf die Stationen und beteiligten sich an der Patientenversorgung, ähnlich einem modernen Weiterbildungsprogramm.
Überlebende Texte sowie Studentennotizen aus dieser Zeit enthüllen Details der damaligen medizinischen Ausbildung. Es gab damals Anweisungen zu Diäten und Rezepte für gängige Behandlungen, einschließlich solcher für Hautkrankheiten, Tumoren sowie Fieber. Während der praktischen Ausbildung im Krankenhaus wurden die Studenten angewiesen, das Verhalten der Patienten, die Ausscheidungen sowie Art und Ort von Schwellungen und Schmerzen zu untersuchen. Die Studenten sollten auch die Farbe und Beschaffenheit der Haut sowie deren Temperatur beachten (warm, kühl, feucht, trocken oder schlaff).
Die Prüfung
Die medizinische Ausbildung endete in einer Prüfung, um die Erlaubnis zur Ausübung der ärztlich-medizinischen Tätigkeit zu erlangen. Die Prüfungskandidaten mussten vor dem leitenden Mediziner erscheinen, der vom regionalen Regierungschef ernannt worden war. Der erste Schritt bestand darin, eine Abhandlung über das gewünschte Fachgebiet zu verfassen, für das der Kandidat ein Zertifikat erhalten wollte. Die Abhandlung konnte ein originelles Forschungsstück oder ein Kommentar zu bestehenden Texten sein, wie denen von Hippokrates, Galen und, nach dem 11. Jahrhundert, Ibn Sina und anderen damaligen Medizinern.
Die Kandidaten wurden ermutigt, diese früheren Werke zu studieren und sie zugleich daraufhin zu überprüfen, ob Fehler vorlagen. Dieser Schwerpunkt auf Empirie und Beobachtung anstatt auf sklavischer Unterwerfung unter Autoritäten war einer der Hauptantriebe des mittelalterlichen intellektuellen Aufschwungs im islamischen Raum. Nach Abschluss der Abhandlung wurden die Kandidaten vom leitenden Mediziner ausführlich interviewt, der ihnen Fragen zu Problemen der zukünftigen Fachgebiete stellte. Zufriedenstellende Antworten führten zur Zulassung zur praktischen Ausübung.
100.000 Bücher gegen 400 Bände
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Krankenhauses, von entscheidender Bedeutung für Studenten wie für Lehrkräfte, war das Vorhandensein umfangreicher medizinischer Bibliotheken. Bis zum 14. Jahrhundert verfügte das Ibn-Tulun-Krankenhaus in Ägypten über eine Bibliothek mit 100.000 Büchern zu verschiedenen Bereichen der medizinischen Wissenschaft. Das war zu einer Zeit, als Europas größte Bibliothek an der Universität von Paris 400 Bände umfasste. Als Wiege der islamischen Medizin und Prototyp für heutige Krankenhäuser zählen die Bimaristans zu den zahlreichen wissenschaftlichen und intellektuellen Errungenschaften der mittelalterlichen islamischen Welt.
Der Brief eines jungen Franken aus Córdoba
Ein junger Franke beschrieb ein islamisches Krankenhaus im andalusischen Córdoba in einem Brief an seinen Vater aus dem 10. Jahrhundert folgendermaßen:
„Du hast in deinem vorherigen Brief erwähnt, dass du mir etwas Geld schicken würdest, um es für meine Medikamentenkosten zu verwenden. Ich sage, ich brauche es überhaupt nicht, da die Behandlung in diesem islamischen Krankenhaus kostenlos ist. Es gibt noch etwas anderes bezüglich dieses Krankenhauses. Dieses Krankenhaus gibt jedem Patienten, der bereits genesen ist, einen neuen Anzug und fünf Dinar, damit er sich nicht gezwungen fühlt, in der Erholungszeit arbeiten zu müssen.
„Lieber Vater, wenn du mich besuchen möchtest, findest du mich in der Chirurgie-Abteilung und der Gelenkbehandlung. Wenn du das Haupttor betrittst, gehe in den Südflügel, wo du die Abteilung für Erste Hilfe und die Abteilung für Krankheitsdiagnosen findest; dann wirst du die Abteilung für Arthritis (Gelenkerkrankungen) finden. Neben meinem Zimmer findest du eine Bibliothek und einen Saal, in dem sich Ärzte treffen, um Vorlesungen von Professoren zu hören; dieser Saal wird auch zum Lesen genutzt. Die Abteilung für Gynäkologie liegt auf der anderen Seite des Krankenhofes. Männer dürfen dort nicht eintreten. Auf der rechten Seite des Krankenhofes befindet sich ein großer Saal für diejenigen, die genesen sind. Hier verbringen sie einige Tage der Ruhe und Genesung. Dieser Saal enthält eine spezielle Bibliothek und einige Musikinstrumente.
„Lieber Vater, jeder Ort in diesem Krankenhaus ist äußerst sauber; Betten und Kissen sind mit feinen Tüchern aus Damaskus bedeckt. Was Bettdecken betrifft, so bestehen sie aus weichem Plüsch. Alle Zimmer in diesem Krankenhaus sind mit sauberem Wasser versorgt. Dieses Wasser wird über Rohre in die Zimmer geleitet, die mit einem breiten Wasserbrunnen verbunden sind; außerdem ist jedes Zimmer mit einem Heizofen ausgestattet. Was das Essen betrifft, werden immer Hühnchen und Gemüse serviert, sodass einige Patienten das Krankenhaus wegen ihrer Liebe und Lust auf dieses schmackhafte Essen nicht verlassen möchten.“
Vom Innovationsmotor zum Konsumenten
Das Bimaristan gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der islamischen Zivilisation. Durch Dekadenz, durch den zunehmenden moralischen Zerfall vor allem der herrschenden Schichten und durch die zunehmende Trennung von islamischem Wissen und naturwissenschaftlichem Wissen (welche den Muslimen die Innovationskraft nahm) kam es Mitte des 18. Jahrhunderts zum zunehmenden Zerfall der islamischen Welt. Darunter litt auch das Gesundheitssystem.
Heutzutage ist in weiten Teilen der islamischen Welt das Gesundheitssystem von Korruption durchseucht, sodass vor allem die ärmere Masse kaum Möglichkeiten hat, eine gute medizinische Versorgung zu bekommen. Personal wird in der Regel sehr schlecht bezahlt, sodass gutes medizinisches Personal vor allem ins Ausland zieht oder sich als medizinische Privatversorger mit teils fragwürdigen Methoden bereichert. Daher ist es eine wichtige Aufgabe, das fehlende islamische Pflichtbewusstsein und die Medizinethik in der Gesundheitsversorgung der islamischen Welt wiederherzustellen, um an die erfolgreiche Vergangenheit wieder anzuknüpfen. Statt reine Konsumenten westlicher und chinesischer Pharmaindustrien und Medizintechnik zu sein, müssen wir den alten Innovationsgeist wiederauferwecken.
Was bleibt
Die oben erörterten Beispiele sind nur ein grober Überblick über die Geschichte des Bimaristans, und doch tritt der Bogen deutlich hervor. Aus einem Behandlungszelt am Rand der Grabenschlacht wurde binnen weniger Jahrhunderte eine Einrichtung mit Fachabteilungen, Stiftungsfinanzierung, Hygieneinspektion, Ambulanz, Prüfungsordnung, Haftungsrecht sowie eigener Bibliothek. Damaskus, Bagdad, Kairo sowie Córdoba bauten Häuser, in denen die Behandlung kostenlos war, weil eine fromme Stiftung sie trug; in denen ein Arzt für Fahrlässigkeit haftete; und in denen der Patient nach der Heilung nicht mittellos vor die Tür gesetzt, sondern mit neuen Kleidern und etwas Geld ins Leben zurückgeschickt wurde.
Wer heute eine Uniklinik betritt, in der Studenten den Ärzten auf die Station folgen, bewegt sich in Strukturen, deren Bauplan im Bimaristan entworfen wurde. Es war die Einrichtung, in der medizinische Versorgung, Ausbildung sowie soziale Fürsorge zum ersten Mal unter einem Dach zusammenkamen. Genau an diesen Anspruch wäre heute wieder anzuknüpfen.
Quellen
- Tschanz, David W. (2017): The Islamic Roots of the Modern Hospital. AramcoWorld, March/April 2017.
- Syed, Ibrahim B., Ph. D.: Efficient Hospitals. Islamic Medicines Contribution to Modern Medicine. Islamic Research Foundation International, Inc.
- Maravia, Usman; Kaf al Ghazal, Sharif (2021): Bimaristan. Services and their educational role in islamic medical history and their influence on modern medicine and hospitals. Journal of the British Islamic Medical Association.
