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Forgotten HeroesSpätes Erbe

Schreibfeder mit skalpellförmiger Spitze auf einer alten Urkunde mit Goldsiegel, daneben Schriftrolle und Tintenfass

Eine Zulassung aus Kairo

ʿAlī ibn Muḥammad, der Chirurg

Lebensdaten
Kairo, um 1602
Herkunft
Kairo
Fachgebiet
Chirurgie

Im Jahr 1602 prüfte der Vorsteher der Chirurgen in Kairo einen Kollegen und erteilte ihm eine Zulassung, die Fachkunde und Gottesfurcht verbindet.

Wer heute als Ärztin oder Arzt arbeiten will, braucht eine Approbation. Wer operieren will, eine Facharztprüfung. Neu ist dieser Gedanke nicht. In den Krankenhäusern der islamischen Welt durfte nicht jeder einfach zum Messer greifen. Der Vorsteher eines Fachs prüfte, ob ein Kandidat sein Handwerk beherrschte, und stellte ihm dann eine Erlaubnis aus: eine Idschaza.[1]

Eine solche Urkunde ist erhalten. Ausgestellt hat sie im Jahr 1602 ʿAlī ibn Muḥammad, der Vorsteher der Chirurgen am Dār asch-Schifāʾ al-Manṣūrī in Kairo. Sultan Qalāwūn hatte dieses Krankenhaus im Jahr 1284 errichten lassen.[2] Mehr als drei Jahrhunderte später war es noch immer ein Ort, an dem Kranke versorgt und Chirurgen geprüft wurden.

Geprüft wurde Schams ad-Dīn Muḥammad, genannt al-Qayyim. Er hatte ein Lehrbuch über Aderlass und Schröpfen in Verse gefasst, damit es sich leichter lernen lässt. Was diese Urkunde besonders macht, ist ihre Sprache. Hier schreibt ein Chirurg, und er spricht von seinem Glauben in den Worten seines Fachs. Hier ist ihr Wortlaut:[3]

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Beim Erhalter des Kosmos suche ich Beistand. Lob sei Gott, der dieser Gemeinschaft in der Medizin Muhammads Heilung schenkte. Er heilte die Krankheiten ihres Verstehens durch Seine wahrhaftige Überlieferung, nachdem sie im Siechtum des Falschen am Rand des Abgrunds gestanden hatten. Ich lobe Ihn mit einem Lob, an dem der Schwache erstarkt. Und ich danke Ihm mit vollem Dank, der uns beim Allweisen, dem Gütigen, die beste Arznei sein möge.
Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott allein, ohne Teilhaber. Er hat den Aderlass und das Schröpfen zu den nützlichsten Behandlungen für die Körper gemacht, denn durch beide werden die schädliche Hitze und die schlechte Säftemischung zum Stillstand gebracht. Und wir bezeugen, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist, der die Ader der Beigesellung durchtrennte. Segen sei auf seiner Familie und seinen Gefährten, den frommen Herren. Durch Wissen und Beredsamkeit vereinten sie Weisheit und entscheidendes Urteil. Sie behandelten die Zeit der Unwissenheit mit ihrer guten Führung, sodass sie genas, gesund blieb und es ihr wohl erging.
Sodann: Ich habe diese bedeutende Abhandlung und edle Schrift eingesehen. Sie trägt den Titel „Die Heilung der Schmerzen in der Kunst des Aderlasses und des Schröpfens“. Es ist ein Lehrgedicht des Scharfsinnigsten seiner Zeit und Klügsten seiner Epoche: Schams ad-Din Muhammad, bekannt als al-Qayyim, Chirurg von Beruf und Können.
Sein Grundtext stammt vom vortrefflichen Scheich Schams ad-Din Muhammad asch-Scharbini, dem Chirurgen, einem Mann aller Tugenden. Möge der Regen der Barmherzigkeit und des Wohlgefallens morgens und abends auf sein Grab fallen und der Duft von Narzisse und Basilikum aus seiner Ruhestätte strömen. Sein Werk trägt den Titel „Das höchste Ziel über das, was dem Aderlasser und dem zur Ader Gelassenen obliegt“, denn es ist in dieser Kunst das höchste der Ziele.
Der Verfasser hat dieses Werk bei ihm gründlich und eingehend gelesen und die schwierigen Wörter und Bedeutungen geklärt. Er sah keinen anderen Weg, als es in Verse zu fassen, damit man diese Nutzen leichter behält und diese Regeln leichter erlernt. So entstand ein Werk, strahlender als das Licht der Ströme und heller als das Licht nächtlicher Gespräche, wie gegossenes Gold oder strömender Regen.
Der Dichter hat bei der Prüfung des Stoffes Hervorragendes geleistet und große Mühe auf Ausarbeitung und Genauigkeit verwandt. Er hat die Worte sorgfältig gefügt und ist in die Tiefe der Bedeutungen getaucht. Er hat die kostbare Perle aus dem Grundtext gehoben und Getrenntes mit Verbundenem zusammengeführt, sodass das Werk in seinen Bedeutungen wie eine Braut erstrahlt.
In diesem Handwerk ist es zum maßgeblichen Werk geworden, und der Kundige erkennt an, dass es Leitfaden und Wegweisung ist. Neben ihm geriet die „Tadhkira“ in Vergessenheit, und diesem Fach blieb kein anderes rühmenswertes Lehrbuch. Vor ihm hielt sich jeder kundige Gelehrte zurück, und die Geschichte der Ärzte bezeugt, dass es wiedergibt, was im „Kanon“ des Ibn Sina steht.
Als das Ergebnis dieser Auslese in Frage und Antwort sichtbar wurde, zählte man das Werk an den Fingern als das beste ab. Sein Verfasser hat aus dem reinsten Kern geschöpft. Zwar hat auch Ibn al-Akfani eine Abhandlung darüber verfasst, doch welch ein Unterschied zwischen seiner Abhandlung und der Abhandlung Muhammads! Dieses Werk trifft den Kern des Gesuchten und hält fest, was dem Aderlasser und dem zur Ader Gelassenen obliegt. Darum verdient der Schöpfer seines Musters und Weber seines Gewandes, mit der Krone der Idschaza gekrönt zu werden.
So bat ich Gott, den Erhabenen, um die rechte Wahl und erteilte ihm die Erlaubnis, von der Kunst des Chirurgen das auszuüben, was er gründlich beherrscht, damit ihm Erfolg und Gelingen zuteilwerden. Er darf Wunden behandeln, die durch Aufschneiden heilen, und Pfeil- und Speerspitzen entfernen, die ohne Einschnitt sichtbar sind. Er darf zur Ader lassen und Arterien durchtrennen, kariöse und verdorbene Zähne ziehen, klaffende Wunden mit Faden und anderem schließen und Knaben beschneiden.
Dies alles unter der Bedingung, dass er die erfahrenen Vorsteher dieses Fachs und die kundigen Lehrer weiterhin zu Rate zieht und ihnen dient, mit Gottesfurcht und Aufrichtigkeit im Handwerk. Dann braucht er nicht zu fürchten, dass sein Handwerk keine Abnehmer findet.
Wir bitten Gott, gepriesen und erhaben ist Er, uns und ihm zu guten Taten zu verhelfen, in jedem Zustand und bei jedem Ausgang. O Gott, ich bitte Dich aus Deiner gewaltigen Huld um Vergebung unserer Sünden und um Wohlbefinden für unsere Körper. Es gibt keinen Gott außer Dir, und nichts wird erhofft als Dein Gutes, Herr der Welten.
Mit eigener Feder geschrieben vom geringsten der Diener des Eröffnenden, dem der Wahrheit Bedürftigen: Ali ibn Muhammad ibn Muhammad ibn Ali, der Chirurg, Diener der armen Schwachen im Haus der Heilung im behüteten Ägypten. Er schrieb es betend, um Segen und Frieden bittend, mit den Worten „Es gibt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott“ und um Vergebung bittend, im gesegneten Monat Safar des Jahres 1011 nach der Hidschra des Propheten, auf ihm der beste Segen und Friede. Und alles Lob gebührt Gott allein.

ʿAlī ibn Muḥammad, Idschaza für al-Qayyim, Kairo 1602

Zwei Sätze tragen diese Urkunde. Der erste: Al-Qayyim darf ausüben, „was er gründlich beherrscht“. Im Arabischen steht dort mā atqana maʿrifatahu, aus derselben Wurzel wie Itqān. Der Prophet ﷺ sagte:

إِنَّ اللَّهَ يُحِبُّ إِذَا عَمِلَ أَحَدُكُمْ عَمَلًا أَنْ يُتْقِنَهُ

„Allah liebt es, wenn einer von euch eine Arbeit verrichtet, dass er sie in Vollendung ausführt.“

Abū Yaʿlā, Musnad · Ṣaḥīḥ al-Ǧāmiʿ 1880 4

Die Erlaubnis reicht genau so weit wie das Können, keinen Schritt weiter. Der zweite Satz ist die Bedingung: Er soll die Meister seines Fachs weiter zu Rate ziehen, „mit Gottesfurcht und Aufrichtigkeit im Handwerk“. Das Wort für Aufrichtigkeit, an-nuṣḥ, kennen wir aus dem Hadith: „Der Dīn ist Aufrichtigkeit.“[5] Fachkunde allein genügte nicht, und Frömmigkeit allein auch nicht. Erst beides zusammen machte einen Chirurgen.

Was uns das lehrt

Die Approbation als Amāna

Was lernen wir daraus als Heilberufe? Unsere Approbation ist mehr als ein Dokument. Sie ist eine Amāna. Wir arbeiten in den Grenzen dessen, was wir wirklich können. Wir lernen weiter von denen, die mehr wissen als wir. Und wir behandeln jeden Patienten im Bewusstsein, dass Allah sieht, was wir tun. ʿAlī ibn Muḥammad hätte als großer Meister unterschreiben können. Er unterschrieb als „Diener der armen Schwachen im Haus der Heilung“.

Möge Allah taʿālā ihnen beiden barmherzig sein und uns zu denen machen, die ihr Handwerk mit Itqān und Taqwā ausüben.

Diese Reihe ist Teil von HAKIM Forgotten Heroes. Wir freuen uns über Rückmeldungen und Anregungen: https://www.surveymonkey.com/r/T7SK5N7

Fußnoten

  1. Zur Prüfung und Zulassung von Ärzten und Chirurgen durch die Vorsteher ihres Fachs, mit mehreren erhaltenen Idschazas: Aḥmad ʿĪsā Bek, Tārīkh al-Bīmāristānāt fī l-Islām (Geschichte der Bimaristane im Islam), Hindawi-Ausgabe 2012, Einleitung, Abschnitt über die Idschazas: https://archive.org/details/ktp2019-bk2582 ↩
  2. Gründung des Bīmāristān al-Manṣūrī durch Sultan Qalāwūn im Jahr 683 n. H. (1284 n. Chr.), nach al-Qalqaschandī zitiert bei Aḥmad ʿĪsā Bek, ebd., Kapitel über den Bīmāristān al-Manṣūrī. ↩
  3. Wortlaut der Idschaza: Aḥmad ʿĪsā Bek, ebd., Abschnitt „Die zweite Idschaza“, S. 31 bis 33. Deutsche Übersetzung: HAKIM, zur besseren Lesbarkeit geglättet; ein im Original unleserliches Wort ist ausgelassen. Arabische Schlüsselstellen: وأجزت له أن يتعاطى من صناعة الجراح ما أتقن معرفته مع تقوى الله والنصح في الصناعة ↩
  4. „Allah liebt es, wenn einer von euch eine Arbeit verrichtet, dass er sie in Vollendung (itqān) ausführt.“ Abū Yaʿlā, Musnad; al-Bayhaqī, Schuʿab al-Īmān; von al-Albānī als ḥasan eingestuft, Ṣaḥīḥ al-Jāmiʿ 1880. ↩
  5. „Der Dīn ist Aufrichtigkeit (an-naṣīḥa).“ Sahih Muslim 55a, von Tamīm ad-Dārī: https://sunnah.com/muslim:55a ↩
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