Dreihundert Jahre bevor Europa darauf kam, schlug ein Arzt in Kairo das Lehrbuch des Ibn Sīnā auf. Dort stand, das Blut fließe durch unsichtbare Poren in der Scheidewand des Herzens von der einen Kammer in die andere. Ibn an-Nafīs widersprach.
„Es gibt keinen solchen Durchlass. Die Substanz des Herzens ist hier dicht und massiv. Das Blut muss einen anderen Weg nehmen, von der rechten Kammer durch die Lunge und erst von dort in die linke.“
Ibn an-Nafīs, Sharḥ Tashrīḥ al-Qānūn
Das ist der Lungenkreislauf, beschrieben in Kairo, dann für Jahrhunderte vergessen, bis ein ägyptischer Arzt 1924 in einer Berliner Bibliothek das Manuskript wiederfand.
Ibn an-Nafīs, geboren 607 nach der Hidschra bei Damaskus, lernte am Nūrī-Bīmāristān seiner Heimatstadt und wurde später Chefarzt am Manṣūrī-Krankenhaus in Kairo. Er war aber nicht nur Arzt. Er war ein angesehener Rechtsgelehrter der schāfiʿitischen Schule. So sehr, dass der Biograph as-Subkī ihn in seinem Standardwerk über die schāfiʿitischen Juristen aufführt. Er schrieb einen Kommentar zu einem Werk des Rechts und einen theologisch-philosophischen Roman, ar-Risāla al-Kāmiliyya.
Genau hier liegt der Punkt. In einem Mann flossen Fiqh und Medizin aus einer einzigen Quelle. Ibn an-Nafīs sah das Studium des Körpers und das Studium der Offenbarung nicht als zwei getrennte Laufbahnen. Beides war ʿilm, beides war das Lesen jener Ordnung, die Allah in die Schöpfung gelegt hat. Und die Schulung, die ihn zum sorgfältigen Juristen machte, gab ihm zugleich den Mut, Galen und sogar Ibn Sīnā zu korrigieren. Denn als Faqīh war er darauf trainiert, dem Beweis zu folgen, dem dalīl, und nicht dem bloßen Ansehen einer Autorität.
Am Ende seines Lebens stiftete er sein Haus, seine Bücher und alles, was er besaß, dem Manṣūrī-Krankenhaus. Überliefert ist dazu ein Satz, der zu ihm passt: „Die Kerzen des Wissens müssen auch nach meinem Tod weiter leuchten.“ Das ist gelebter Waqf. Wissen, das man nicht für sich behält, sondern als bleibendes Erbe für die Nachkommenden weitergibt.
Kein Widerspruch zwischen Glaube und Wissen
Ibn an-Nafīs ist die Antwort an jeden, der behauptet, Glaube und Wissenschaft zögen in verschiedene Richtungen. Bei ihm war es dieselbe Disziplin, die ihn zum gewissenhaften Rechtsgelehrten und zum furchtlosen Anatomen machte. Zwischen dem Gebetsteppich und dem Seziertisch stand bei ihm keine Mauer. Es war ein und derselbe Weg zur Erkenntnis.