Über Marwa el-Sherbini ist viel geschrieben worden, fast immer nur über die wenigen Minuten ihres Todes. Wir wollen es hier bewusst anders halten und zuerst von ihrem Leben erzählen, nicht allein von ihrem Sterben. Denn sie war eine Heldin und ein Vorbild, lange bevor sie zur Märtyrerin wurde: eine selbstbewusste Muslima, die sich in den Dienst der Menschen stellte.
Geboren in Alexandria, wuchs sie in einem gebildeten Haus auf, beide Eltern waren Chemiker. Schon in der Schule stach sie hervor, schloss als Beste ab und sprach für ihre Mitschülerinnen, eine natürliche Anführerin. Ihre Familie und ihre Nachbarn beschrieben sie als fromm und von allen geliebt.
Sie studierte Pharmazie an der Universität Alexandria und wurde Apothekerin, ein Beruf, der ganz im Dienst am Menschen steht. 2005 kam sie mit ihrem Mann Elwy Okaz nach Deutschland. Er war Naturwissenschaftler und forschte im Bereich der Zellgenetik, zuletzt am renommierten Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden. Marwa arbeitete als Apothekerin auf dem Weg zu ihrer deutschen Approbation. Ein junges muslimisches Paar, das mit Wissenschaft und Heilkunde zu dieser Gesellschaft beitrug. In Dresden engagierte sie sich für den Aufbau eines islamischen Kultur- und Bildungszentrums, das heute ihren Namen trägt. Ihr Kopftuch trug sie selbstverständlich und mit Selbstbewusstsein. Ihr Bruder erzählt zwar von Anfeindungen, die sie in Dresden erlebte, und doch führte die Familie, so erinnert er sich, ein gutes Leben in Deutschland.
Genau daran entzündete sich das Unheil. Im August 2008 wollte ihr dreijähriger Sohn auf einem Spielplatz schaukeln, als ein Mann sie wegen ihres Kopftuchs als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpfte. Marwa ließ das nicht auf sich sitzen und zeigte ihn an. Das Gericht verurteilte ihn, er ging in Berufung. Bei dieser Verhandlung am 1. Juli 2009, in der sie als Zeugin aussagte, zog er ein Messer und stach achtzehnmal auf sie ein. Ihr Mann Elwy stürzte herbei, um sie zu schützen, wurde selbst schwer verletzt und im Chaos von einem Polizisten, der ihn für den Täter hielt, angeschossen. Marwa war im dritten Monat mit ihrem zweiten Kind schwanger. Sie starb im Gerichtssaal, vor den Augen ihres Mannes und ihres kleinen Sohnes.
Ein deutsches Gericht stellte später das Motiv fest: blanker Hass auf Musliminnen und Muslime. Es war der erste Mord in Deutschland, der offiziell als islamfeindlich anerkannt wurde, und der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Marwa aber wurde getötet für nichts als ihren Glauben. Allah taʿālā sagt über jene, die man einst aus demselben Grund verfolgte:
وَمَا نَقَمُوا۟ مِنْهُمْ إِلَّآ أَن يُؤْمِنُوا۟ بِٱللَّهِ ٱلْعَزِيزِ ٱلْحَمِيدِ
„Und sie grollten ihnen nur, weil sie an Allah glaubten, den Allmächtigen, den Preiswürdigen.“
Sūrat al-Burūj (85:8)
Und der Prophet ﷺ sagte:
مَنْ قُتِلَ دُونَ دِينِهِ فَهُوَ شَهِيدٌ
„Wer für seinen Dīn getötet wird, ist ein Šahīd.“
Jāmiʿ at-Tirmidhī 1421
So wird Marwa in der islamischen Welt als Shahīdat al-Ḥijāb geehrt, als Märtyrerin des Kopftuchs, während das öffentliche Echo in Deutschland lange ausblieb. Möge Allah dieses Zeugnis von ihr annehmen und sie unter die Shuhadāʾ aufnehmen.
Ihr Tod trägt eine Lehre, die weit über sie hinausreicht. Ein Mensch war mit Hass gefüttert worden, mit Vorurteilen und den Zerrbildern, die über den Islam verbreitet werden, bis er in einer Frau mit Kopftuch nicht mehr die Apothekerin, die Mutter, die Nachbarin sah, sondern ein Feindbild. In der deutschen Apothekerschaft wurde sie danach als Kollegin betrauert, die man verloren hatte. Und ihr Bruder berichtete, Marwa habe dem Täter noch im Gerichtssaal vergeben, denn der Islam sei auch eine Religion der Vergebung und Barmherzigkeit.
Brücken statt Spaltung
So gehen uns Menschen wie Marwa verloren. Feindbilder, gerade über den Islam, sind nicht harmlos, sie können tödlich enden. Die Antwort darauf kann niemals mehr Spaltung sein, sondern nur ihr Gegenteil: dass die Klugen zusammenkommen und sich von Vorurteilen und Propaganda nicht auseinanderdividieren lassen. So hatte Marwa gelebt, selbstbewusst im Glauben und im Dienst am Menschen. Es ist an uns, es ihr gleichzutun.
Möge Allah Marwa el-Sherbini barmherzig sein, sie und ihr ungeborenes Kind ins Paradies aufnehmen und ihrer Familie Geduld und Trost schenken. Āmīn.
