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Marwa el-Sherbini
Shahīdat al-Ḥijāb

Marwa el-Sherbini

1977-2009 · Alexandria · Dresden · Pharmazie

Die Apothekerin von Dresden, die für ihren Iman starb.

Über Marwa el-Sherbini ist viel geschrieben worden, fast immer nur über die wenigen Minuten ihres Todes. Wir wollen es hier bewusst anders halten und zuerst von ihrem Leben erzählen, nicht allein von ihrem Sterben. Denn sie war eine Heldin und ein Vorbild, lange bevor sie zur Märtyrerin wurde: eine selbstbewusste Muslima, die sich in den Dienst der Menschen stellte.

Geboren in Alexandria, wuchs sie in einem gebildeten Haus auf, beide Eltern waren Chemiker. Schon in der Schule stach sie hervor, schloss als Beste ab und sprach für ihre Mitschülerinnen, eine natürliche Anführerin. Ihre Familie und ihre Nachbarn beschrieben sie als fromm und von allen geliebt.

Sie studierte Pharmazie an der Universität Alexandria und wurde Apothekerin, ein Beruf, der ganz im Dienst am Menschen steht. 2005 kam sie mit ihrem Mann Elwy Okaz nach Deutschland. Er war Naturwissenschaftler und forschte im Bereich der Zellgenetik, zuletzt am renommierten Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden. Marwa arbeitete als Apothekerin auf dem Weg zu ihrer deutschen Approbation. Ein junges muslimisches Paar, das mit Wissenschaft und Heilkunde zu dieser Gesellschaft beitrug. In Dresden engagierte sie sich für den Aufbau eines islamischen Kultur- und Bildungszentrums, das heute ihren Namen trägt. Ihr Kopftuch trug sie selbstverständlich und mit Selbstbewusstsein. Ihr Bruder erzählt zwar von Anfeindungen, die sie in Dresden erlebte, und doch führte die Familie, so erinnert er sich, ein gutes Leben in Deutschland.

Genau daran entzündete sich das Unheil. Im August 2008 wollte ihr dreijähriger Sohn auf einem Spielplatz schaukeln, als ein Mann sie wegen ihres Kopftuchs als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpfte. Marwa ließ das nicht auf sich sitzen und zeigte ihn an. Das Gericht verurteilte ihn, er ging in Berufung. Bei dieser Verhandlung am 1. Juli 2009, in der sie als Zeugin aussagte, zog er ein Messer und stach achtzehnmal auf sie ein. Ihr Mann Elwy stürzte herbei, um sie zu schützen, wurde selbst schwer verletzt und im Chaos von einem Polizisten, der ihn für den Täter hielt, angeschossen. Marwa war im dritten Monat mit ihrem zweiten Kind schwanger. Sie starb im Gerichtssaal, vor den Augen ihres Mannes und ihres kleinen Sohnes.

Ein deutsches Gericht stellte später das Motiv fest: blanker Hass auf Musliminnen und Muslime. Es war der erste Mord in Deutschland, der offiziell als islamfeindlich anerkannt wurde, und der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Marwa aber wurde getötet für nichts als ihren Glauben. Allah taʿālā sagt über jene, die man einst aus demselben Grund verfolgte:

وَمَا نَقَمُوا۟ مِنْهُمْ إِلَّآ أَن يُؤْمِنُوا۟ بِٱللَّهِ ٱلْعَزِيزِ ٱلْحَمِيدِ

„Und sie grollten ihnen nur, weil sie an Allah glaubten, den Allmächtigen, den Preiswürdigen.“

Sūrat al-Burūj (85:8)

Und der Prophet ﷺ sagte:

مَنْ قُتِلَ دُونَ دِينِهِ فَهُوَ شَهِيدٌ

„Wer für seinen Dīn getötet wird, ist ein Šahīd.“

Jāmiʿ at-Tirmidhī 1421

So wird Marwa in der islamischen Welt als Shahīdat al-Ḥijāb geehrt, als Märtyrerin des Kopftuchs, während das öffentliche Echo in Deutschland lange ausblieb. Möge Allah dieses Zeugnis von ihr annehmen und sie unter die Shuhadāʾ aufnehmen.

Ihr Tod trägt eine Lehre, die weit über sie hinausreicht. Ein Mensch war mit Hass gefüttert worden, mit Vorurteilen und den Zerrbildern, die über den Islam verbreitet werden, bis er in einer Frau mit Kopftuch nicht mehr die Apothekerin, die Mutter, die Nachbarin sah, sondern ein Feindbild. In der deutschen Apothekerschaft wurde sie danach als Kollegin betrauert, die man verloren hatte. Und ihr Bruder berichtete, Marwa habe dem Täter noch im Gerichtssaal vergeben, denn der Islam sei auch eine Religion der Vergebung und Barmherzigkeit.

Was uns das lehrt

Brücken statt Spaltung

So gehen uns Menschen wie Marwa verloren. Feindbilder, gerade über den Islam, sind nicht harmlos, sie können tödlich enden. Die Antwort darauf kann niemals mehr Spaltung sein, sondern nur ihr Gegenteil: dass die Klugen zusammenkommen und sich von Vorurteilen und Propaganda nicht auseinanderdividieren lassen. So hatte Marwa gelebt, selbstbewusst im Glauben und im Dienst am Menschen. Es ist an uns, es ihr gleichzutun.

Möge Allah Marwa el-Sherbini barmherzig sein, sie und ihr ungeborenes Kind ins Paradies aufnehmen und ihrer Familie Geduld und Trost schenken. Āmīn.

Marwa el-Sherbini, Schaubild: Ihr Wirken und was uns das lehrt

Referenzen

  1. Familien-Interview mit Marwas Mutter, ihrem Bruder Tarek und einer Jugendfreundin über ihren Charakter (fromm, bei Familie und Nachbarn beliebt, eine Führungspersönlichkeit). Al-Yaum as-Sābiʿ (Youm7), 9. Juli 2009. Youm7
  2. Studium der Pharmazie an der Universität Alexandria (Bachelor 2000), Beruf Apothekerin. Al Jazeera, Enzyklopädie-Eintrag „Marwa el-Sherbini" (2014). Al Jazeera
  3. Ehemann Elwy Ali Okaz, Naturwissenschaftler im Bereich Zellgenetik, mit Forschungsstelle am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden; Übersiedlung nach Deutschland 2005. Al Jazeera, Enzyklopädie-Eintrag (2014); Sächsisches Staatsministerium der Justiz, Medienservice Sachsen. Al Jazeera, Medienservice Sachsen
  4. Engagement für ein islamisches Kultur- und Bildungszentrum in Dresden, das heute ihren Namen trägt. Der Tagesspiegel, „Dresden: Freunde planen Marwas Ort". Der Tagesspiegel
  5. Interview mit ihrem Bruder Tarek El-Sherbini (Anfeindungen wegen des Kopftuchs, „ein schönes Leben in Deutschland", Marwas Vergebung gegenüber dem Täter im Gerichtssaal). IslamiQ, „Meine Schwester Marwa hatte dem Angeklagten vergeben", 1. Juli 2020. IslamiQ
  6. Vorfall im August 2008 auf einem Dresdner Spielplatz, Beschimpfung als „Islamistin" und „Terroristin". Sächsisches Staatsministerium der Justiz, Medienservice Sachsen. Medienservice Sachsen
  7. Ermordung am 1. Juli 2009 im Landgericht Dresden mit achtzehn Messerstichen. Liz Fekete, „Germany: why did Marwa al-Sherbini die?", Institute of Race Relations, 8. Juli 2009; taz, „Prozess hinter Panzerglas", 22. Oktober 2009. Institute of Race Relations, taz
  8. Ihr Mann Elwy Okaz wurde beim Schutzversuch schwer verletzt und von einem Polizisten, der ihn für den Angreifer hielt, angeschossen. Der Tagesspiegel (dpa), „El-Sherbini-Prozess: Täter wollte erschossen werden", 3. November 2009. Der Tagesspiegel
  9. Motiv „Hass gegen Musliminnen und Muslime", offizielle Einstufung als rassistisch motivierter Mord, lebenslange Haft (Urteil des Landgerichts Dresden vom 11. November 2009). Medienservice Sachsen; taz, 22. Oktober 2009. Medienservice Sachsen, taz
  10. Qur'an, Sūra al-Burūj (85:8): وَمَا نَقَمُوا مِنْهُمْ إِلَّا أَن يُؤْمِنُوا بِاللَّهِ الْعَزِيزِ الْحَمِيدِ. quran.com
  11. „Wer für seinen Dīn getötet wird, ist ein Šahīd." Jāmiʿ at-Tirmidhī 1421, von Saʿīd ibn Zayd; at-Tirmidhī stufte den Ḥadīth als ḥasan ein, nach Darussalam ṣaḥīḥ. sunnah.com
  12. Zur internationalen Würdigung als „Märtyrerin des Kopftuchs" bei gleichzeitig langem Ausbleiben einer öffentlichen Reaktion in Deutschland: Beverly M. Weber, „Hijab Martyrdom, Headscarf Debates", Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 32(1), 2012, S. 102-115. doi.org
  13. „Mit dem Tod von Marwa El-Sherbini haben wir eine solche Kollegin verloren." Antonie Marqwardt (Deutscher Pharmazeutinnen Verband), „Zum Tod der Apothekerin Marwa El-Sherbini", Deutsche Apotheker-Zeitung 32/2009, S. 36. Deutsche Apotheker-Zeitung

Weiterführende wissenschaftliche Literatur

  1. Beverly M. Weber, „Contentious Headscarves: Cleaning Woman, Forbidden Schoolteacher, Hijab Martyr", in: Violence and Gender in the „New" Europe: Islam in German Culture, Palgrave Macmillan 2013, S. 77-112. doi.org
  2. Iman Attia und Yasemin Shooman, „›Aus blankem Hass auf Muslime‹. Zur Rezeption des Mordes an Marwa el-Sherbini in deutschen Printmedien und im deutschsprachigen Internet", in: Jahrbuch für Islamophobieforschung 2010, StudienVerlag 2010, S. 23-46.
  3. Aleksandra Lewicki und Yasemin Shooman, „Building a new nation: anti-Muslim racism in post-unification Germany", Journal of Contemporary European Studies 28(1), 2020, S. 30-43. doi.org
  4. Farid Hafez, „Remembering the Murder of Marwa El-Sherbini", Bridge Initiative, Georgetown University, 5. Juli 2019. Bridge Initiative

Film, Theater und Gedenken

  1. Es brennt (2023), Spielfilm von Erol Afşin, angelehnt an den Fall (Premiere Filmfest München 2023). gorki.de
  2. Recht(s), Über das Verbrechen an Marwa El-Sherbini (2020), Theaterprojekt von Ayşe Güvendiren, Münchner Kammerspiele. Münchner Kammerspiele
  3. Al Jazeera English, Video-Bericht zur Verurteilung des Täters, 11. November 2009. Al Jazeera English
  4. „Tag gegen antimuslimischen Rassismus" (1. Juli, seit 2015 zum Gedenken an Marwa el-Sherbini). CPPD Network
  5. „Marwa-El-Sherbini-Park" am Landgericht Dresden, eingeweiht im März 2022; dauerhafte Gedenkstele (2026). IslamiQ, evangelisch.de
  6. Kunstinstallation „18 Stiche" (2010), achtzehn messerförmige Stelen zum Gedenken an die achtzehn Messerstiche. addn.me
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