Als Şerefeddin Sabuncuoğlu achtzig Jahre alt war, setzte er sich nicht zur Ruhe. Er nahm Feder und Pinsel und begann zu zeichnen. Seite um Seite hielt er jeden chirurgischen Eingriff fest, den er in einem langen Leben gelernt hatte, damit ein junger Arzt, der ihm nie begegnen würde, das Handwerk dennoch erlernen konnte.
Geboren 1385 in der nordanatolischen Stadt Amasya, wurde er im dortigen Krankenhaus ausgebildet, dem Dârüşşifâ aus dem Jahr 1308. Dort behandelte er über vierzehn Jahre die Kranken und unterrichtete junge Mediziner. Dieses Krankenhaus war, wie die Bīmāristāne vor ihm, eine fromme Stiftung, ein Waqf, in dem die Heilkunde ein Dienst war und kein Geschäft.
Sein Wissen reichte weit zurück. Sabuncuoğlu studierte die Schriften des andalusischen Chirurgen az-Zahrāwī und baute auf dessen Werk auf. Doch er war kein bloßer Übersetzer. Kurz vor seinem Tod vollendete er sein berühmtes Werk Cerrahiyyetü’l-Haniyye, „Die kaiserliche Chirurgie“, und füllte es mit weit über hundert eigenen Beobachtungen und Verbesserungen.
Es war das erste illustrierte chirurgische Lehrbuch seiner Tradition. Wo die Alten nur beschrieben, da malte Sabuncuoğlu. Er zeichnete die Instrumente, die Eingriffe, den Arzt und den Patienten, in Farbe, damit das Lernen leicht würde. Seine Bandbreite reichte von der Augenheilkunde über die Behandlung von Knochenbrüchen und Harnsteinen bis zur Geburtshilfe und zur Kinderchirurgie. Bemerkenswert ist, dass er als Erster auch Ärztinnen bei der Arbeit darstellte.
In einem zweiten Werk, dem Mücerrebnâme, dem „Buch der Erfahrungen“, hielt er fest, was er als Arzt selbst geprüft hatte. Er übernahm das überlieferte Wissen nicht blind, sondern erprobte die Wirkung der Arzneien und schrieb seine Ergebnisse nieder. Viele Medizinhistoriker sehen darin einen frühen Vorläufer dessen, was wir heute evidenzbasierte Medizin nennen.
Khidma über den Tod hinaus
Was ihn für uns zum Vorbild macht, ist nicht allein, dass er die Kranken nach bestem Wissen und Gewissen behandelte. Für Sabuncuoğlu war die beste Behandlung eine ʿibāda, ein Weg, das Wohlgefallen Allahs zu suchen, und deshalb gab er sich nie mit dem Erreichten zufrieden. Vor allem aber wollte er, dass sein Wissen ihn überlebt. Er hat es nicht gehütet, er hat es verschenkt, so klar und so einfach, dass die nächste Generation mühelos daraus lernen konnte. Das ist Khidma im reinsten Sinn, ein Dienst, der über den eigenen Tod hinausreicht.
Der Prophet ﷺ hat gesagt:
إِذَا مَاتَ الإِنْسَانُ انْقَطَعَ عَنْهُ عَمَلُهُ إِلاَّ مِنْ ثَلاَثَةٍ إِلاَّ مِنْ صَدَقَةٍ جَارِيَةٍ أَوْ عِلْمٍ يُنْتَفَعُ بِهِ أَوْ وَلَدٍ صَالِحٍ يَدْعُو لَهُ
„Wenn der Mensch stirbt, endet sein Wirken, außer in dreien: einer fortwährenden Spende, einem Wissen, von dem man Nutzen zieht, oder einem rechtschaffenen Kind, das für ihn bittet.“
Ṣaḥīḥ Muslim 1631
Şerefeddin Sabuncuoğlu hat den Menschen mit seiner Forschung und seinen Schriften ein nützliches Wissen hinterlassen, eine Ṣadaqa Jāriya, die bis heute fortwirkt. Möge Allah ihn reichlich belohnen. Āmīn.